Bilfinger Berger Magazin
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WILPOLDSRIED ZEIGT, WIE ES GEHT

ENERGIEAUTARKIE

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WILDPOLDSRIED IM ALLGÄU PRODUZIERT GUT DREIMAL SO VIEL STROM, WIE ES SELBST VERBRAUCHT. NICHT, DASS DIE EINHEIMISCHEN EINGEFLEISCHTE UMWELTSCHÜTZER WÄREN. ABER SIE KÖNNEN RECHNEN.

Es ist der Stillstand, den Wendelin Einsiedler mehr als alles andere fürchtet. „Sie müssen wieder laufen“, ruft der Windbauer und springt in seinem Büro von einem Bein aufs andere. Draußen brechen Äste, alles ist in Bewegung an diesem stürmischen Sonntag, nur seine weißen Giganten nicht. Die Windräder haben sich bei den starken Böen abgeschaltet, damit sie nicht knicken wie Bäume.

Am Computer herrscht Einsiedler über zwölf Windkraftanlagen. Er bringt mit einem Tastendruck die Rotorblätter, lang wie zwei Lastzüge, wieder zum Kreisen. Klick, Haarberg Nord auf dem Nachbarhügel dreht sich wie der. Klick, Langenberg nimmt Fahrt auf. Der Sturm hat die Tagesplanung des Allgäuers durcheinander gewirbelt. Gleich beginnt die CSU Kreisversammlung. Die Parteigenossen warten, der 53-Jährige mit dem zerzausten Haar muss los. „Franz“, drängt er seinen Bruder und hat schon ein Bein im Gummistiefel, „jetzt steht Haarberg Süd wieder. Mach du das!“

Der Windpapst, wie ihn seine Freunde nennen, hat Wildpoldsried den ökologischen Aufschwung gebracht. Im Klimaschutz spielt das 2500-Seelen-Dorf in der Spitzenklasse mit, hat längst umgesetzt, worüber andere Jahre lang nur reden. Die Gemeinde erzeugt das Dreieinhalbfache ihres Strombedarfs selbst. Die Wildpoldsrieder nutzen für die Energiegewinnung Rohstoffe, die die Natur in dieser Gegend Bayerns bietet. Den Wind, der kräftig bläst im Voralpenland. Das Holz der Fichtenwälder. Die Sonne, die hier 1755 Stunden im Jahr scheint. Das Grünzeug, aus dem die Landwirte Biogas gewinnen. Selbst die Kraft des Dorfbachs geht nicht verloren.

ÖKO ZAHLT SICH AUS
Doch gegen das Etikett „alternativ“ wehren sich viele mit Vehemenz. Im Gemeinderat sitzt kein einziger Grüner. Der einstige Bioladen hat schon vor Jahren das „Bio“ aus seinem Sortiment gestrichen. Die gesunde Kost war den sparsamen Allgäuern zu teuer. Es ist nicht in erster Linie ihr Ökobewusstsein, das sie motiviert. Den Wildpoldsriedern geht es ums Geld. „Es zahlt sich aus“, ist der wichtigste Grundsatz der Gemeinde.

Mit dem CSU-Politiker Zengerle ist der Klimaschutz ins Rathaus eingezogen. Dort sitzt der 52-jährige Konservative zwischen Feng-Shui-Brunnen und Motorradkalender und erzählt nicht ohne Stolz von den jährlichen Sammelbestellungen für Solar- und Photovoltaikanlagen. In Wildpoldsried wird das Energieerzeugen zum Volkssport. Die Bürger machen mit, alle wollen etwas daran verdienen. Besser als ein Pokal ist die Erwähnung auf der Internet-Homepage der Gemeinde. Dort zeigt sich jeder gerne mit Foto und den wichtigsten Daten: die Bauern, die Gülle und Silage in den Fermenter der Biogasanlage kippen; der Windbauer, in dessen Räder die Bürger ihr Erspartes gesteckt haben; die Betreiber der drei Wasserkraftwerke im Ort, darunter auch der Bürgermeister höchstpersönlich.

Den Schraubenschlüssel in der einen Hand, die Taschenlampe in der anderen, bückt sich Zengerle über seine Turbine. „Endlich läuft sie wieder“, freut er sich, „der letzte Monat war viel zu trocken.“ Fast jeden Tag schaut er in dem stillgelegten Sägewerk vorbei. Heute lässt der Regen des Sturmtiefs die Anlage sausen. In einem Meter Tiefe strömt das Was – ser des Dorfbachs und treibt das Turbinenrad an. Früher brachte es eine Säge in Schwung, inzwischen ist es an den Generator des Bürgermeisters angeschlossen. Die Messgeräte zeigen sechs Kilowatt Leistung. Knapp zehn Cent erhält der Bürgermeister für jede Kilowattstunde Strom, die er ins Netz einspeist. Nur wenige Euro am Tag wirft die Anlage ab. Aber das ist zweitrangig. Technik ist für den Bürgermeister Liebhaberei, und seit er seine Turbine einmal zerlegt und wieder zusammengebaut hat, ist er ihr verfallen.

BRAINSTORMING IM KLOSTER
Der Ausbau regenerativer Energien war schon immer mehr als ein Hobby von Arno Zengerle. „Wir müssen uns überlegen, was wir unseren Kindern hinterlassen“, hat Zengerle seine Gemeinderäte schon 1999 ermahnt und sich mit ihnen für ein Wochenende in ein ehemaliges Benediktinerkloster zurückgezogen. Die Räte ließen sich auf die Klausur ein und entschieden sich für mehr Basisdemokratie. Die Bürger sollten sagen, was sie wollen. Drei DIN-A4-Bögen umfasste die anonyme Um – frage, die in die Briefkästen gesteckt wurde. Sie reichte von der Bewertung des öffentlichen Personennahverkehrs bis zum Gestaltungsvorschlag für den Ortskern. Auch die Meinung zu zwei geplanten Windkraftanlagen wurde erfragt: 92 Prozent befürworteten den Bau. Aus den Wünschen formte der Ge meinderat einen Rahmenplan, die neue Marschroute fürs Dorf.

Weg vom Öl, hin zum Holz, das ist das Ziel der Allgäuer Gemeinde. So brauchte es für den Bau einer eigenen Dorfheizung nicht viele Worte, sondern einen guten Geschäftsplan. Die Anlage, die Holzpellets verbrennt, kostete eine halbe Million Euro und spart fast 150000 Liter Heizöl oder 470 Tonnen Kohlendioxid im Jahr ein. Das erzählt Sigmund Hartmann jedem, der ihn im Heizkeller unterm Dorfsaal besucht. Die Anlage ist sein ganzer Stolz, das sieht man ihm an. Der 68-jährige pensionierte Stahlgießer hat sie sogar selbst mitfinanziert.

Die Heizung pumpt Wärme in die unterirdischen Rohre, die im Rathaus und in der Sporthalle enden. Schön warm haben es die Kirchgänger und schön warm hat es auch Familie Hartmann in ihrem Einfamilienhaus. Gut 30 öffentliche und private Gebäude sind an das Nahwärmenetz angeschlossen. „Als Gemeinschaftsprojekt rechnet sich das“, weiß der Hüter der Heizung, der sowieso in eine neue Anlage hätte investieren müssen und nun jährlich rund 400 Euro spart. Wie viele im Ort hat auch er eine thermische Solaranlage auf dem Dach – für das Heißwasser. Der Abschied vom Öl war den Hartmanns wichtig. „Erstens, weil es dann nicht mehr so stinkt im Keller, zweitens, weil es billiger ist und drittens: Weil Straubing näher ist als Saudi-Arabien“, sagt Sigmund Hartmann. Per Last – wagen werden die Pellets angeliefert, alle ein bis zwei Wochen eine 15-Tonnen-Ladung.

JAPAN LERNT VOM ALLGÄU
Wildpoldsried ist weit über die Region hin aus bekannt, die Einträge im Goldenen Buch der Gemeinde beweisen es: Aus Japan und vom Bodensee, von den Grünen und aus den Reihen der CSU-Parteifreunde kommen diejenigen, die sich vom Energiedorf etwas abschauen wollen. Gerne erzählt der Bürgermeister den Gästen die Geschichte, wie er für Altbausanierung warb. Vom Heißluftballon aus wurde mitten im Winter ein Film gedreht. Hauptdarsteller waren die Dächer. Lag noch Schnee drauf, stimmte die Dämmung; war das Weiß schon geschmolzen, hieß das für den Hausbesitzer: Hier wird zum Dach hinaus geheizt.

Nicht nur den Bürgern schaute Zengerle auf die Finger, auch die kommunalen Energiebilanzen lässt er überprüfen. Mitarbeiter der Gemeinde müssen monatlich den Verbrauch von Heizöl, Strom und Wasser in Kindergarten, Schule, Rathaus und Feuerwehr kontrollieren. Stromfresser fielen beim Ablesen der Messgeräte schnell auf: Im Kindergarten standen die Boiler auf Maximum, eine vermeidbare Energieverschwendung. Bei der Feuerwehr lief die Heizung wegen eines undichten Ventils auch im Sommer. Das hatte keiner bemerkt.

Ehrgeizig, als ginge es darum, immer neue Rekorde zu brechen, präsentiert Zengerle die aktuellsten Haushaltszahlen. „Allein die Photovoltaikanlagen auf den öf fent lichen Gebäuden haben im vergangenen Jahr 70000 Euro gebracht“, freut sich der Bürgermeister und ist weiter auf der Suche nach geeigneten Dachflächen. Am liebsten würde er auch der historischen Dorfkirche ein paar Sonnenkollektoren verpassen: „Aber das lassen die Denkmalschützer leider nicht zu.“

Text: Christine Keck, Fotos: Heinz Heiss
Bilfinger Berger Magazin 1/2010

CIPRA: NACHHALTIGKEIT UND ALPENSCHUTZ
Das Städtchen Wildpoldsried erhielt weit über Deutschland hinaus Aufmerksamkeit, als es 2008 von der einflussreichen Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA für sein vorbildliches Energiekonzept ausgezeichnet wurde. Seither gilt es als Leuchtturmprojekt. Die CIPRA selbst ist eine staatenübergreifende Nichtregierungsorganisation. Bei der Umsetzung der sogenannten Alpenkonvention, einem Übereinkommen der Alpenstaaten über den umfassenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen, hat die CIPRA Beobachterstatus.

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