MCE HAT EINEN DER SCHWIERIGSTEN AUFTRÄGE SEINER UNTERNEHMENSGESCHICHTE ABGESCHLOSSEN, DIE SANIERUNG DER SCHWEIZER WASSERKRAFTANLAGE CLEUSON-DIXENCE. SEIT 2009 GEHÖRT DAS UNTERNEHMEN ZUR BILFINGER BERGER GRUPPE.
Die Straße wird schmal und immer schmaler. Sie windet sich in steilen Kurven nach oben, es gibt keine Leitplanken. „Nicht nach unten schauen“, sagt Walter Pölz und lächelt. Er lenkt den Toyota mit Vierradantrieb immer weiter hinauf, bleibt im Schnee stecken, fährt weiter, dann hält er an. „Wir sind da.“
Er zeigt mit der Hand den Hang hinauf, „gleich da drüben, da ist das Wasser runter “. Es ist ganz still in diesem Moment, der Schnee schluckt jedes Geräusch. Unten im Tal sieht man die Stadt Sion, die Rhone.
DRUCKSCHACHT IM INNEREN DES BERGES
Im Dezember 2000 war im Berg, 70 Meter unter der Oberfläche, ein Stahlrohr mit einem Durchmesser von mehr als drei Metern geborsten. Es führte Wasser aus dem knapp 17 Kilometer entfernten Stausee Lac des Dix auf gut 2300 Meter Höhe hinunter zum Kraftwerk Bieudron im Tal, einem der vier Kraftwerke des großen Wasserkraftkom plexes von Cleuson-Dixence.
Das Wasser legt zunächst 16 Kilometer in einem waagrecht verlaufenden Stollen zurück. Dann neigt sich der Stollen, fällt in einem Winkel von 34 Grad steil nach unten und mündet im Wasserkraftwerk Bieudron auf 481 Meter Höhe. Dieser abschüssige Druckschacht ist 4,3 Kilometer lang, in ihm nimmt das Wasser an Fahrt auf, um in Bieudron drei gewaltige Turbinen anzutreiben. Neun Jahre lang haben die Turbinen nun stillgestanden, denn gewaltige Reparaturarbeiten waren im Schacht zu leisten. Erst im Januar 2010 wurde das Kraftwerk wieder eröffnet.
„DAS KONNTEN IN EUROPA NUR WIR“
Walter Pölz hat die Instandsetzungsarbeiten der Druckrohre von Bieudron geleitet. Die Anforderungen waren so hoch, dass MCE als einziges Unternehmen die technischen Voraussetzungen für dieses Projekt erfüllte. „Der Kunde wollte, dass sowohl die Herstellung als auch die Montage der neuen Rohre von ein und demselben Unternehmen durchgeführt werden. Das konnten in Europa nur wir. Das Engineering kam von Andritz Hydro.“
Pölz ist ein bescheidener Mann von 63 Jahren. Er vergisst nie zu betonen, dass die erfolgreiche Arbeit ein Werk von vielen war. Rund 150 Mann standen bei dem Projekt unter seiner Regie. Ständig mussten Leute ersetzt werden. „Die Arbeit war nicht jedermanns Sache“, sagt Pölz.
Neue Rohre sollten verlegt werden, in die alten Rohre hinein. Die Arbeiter gelangten mit speziellen Wagen in die Tiefe, die, an einem Stahlseil hängend, in den schräg verlaufenden Druckschacht abgelassen wurden. „Da unten im Rohr war es heiß, und die Luft war schlecht, wir mussten außerdem einen Kamineffekt verhindern und einen Luftzug ausschließen, damit die Schweißnähte optimal durchgeführt werden konnten“, sagt Pölz.
UNGLAUBLICHER ZEITDRUCK
Im Oktober 2006 hatte MCE den Zuschlag für das Projekt erhalten: der größte und umfangreichste Wasserkraftauftrag der Firmengeschichte. Nur sechs Monate später sollten die Instandsetzungsarbeiten in Sion beginnen. In dieser Zeit mussten sämtliche Montageabläufe detailliert geplant werden, gleichzeitig begann die Fertigung der mehr als 400 Stahlrohre in Wels und in Linz.
ABENTEUERLICHER TRANSPORT
Die bis zu zwölf Meter langen Rohre mit Durchmessern von zweieinhalb bis drei Metern gelangten mit dem Zug von Österreich in die Schweiz. In Sion wurden sie auf Sattelschlepper umgeladen und zur Baustelle transportiert. „Es war schon abenteuerlich, wie wir die Rohre den Berg hinaufschafften“, sagt Pölz. Er zeigt die schmale Straße hinunter, „da sind die Sattelschlepper hoch, auch im Winter, mit 60 Tonnen schweren Stahlrohren, das muss man sich mal vorstellen. Und die Rohre für ganz oben, die haben wir mit der Seilbahn hochgebracht“.
Der mehr als vier Kilometer lange Druckschacht ist durch vier in den Berg hineingesprengte Zugangsstollen erreichbar, an allen vier Stellen wurde gleichzeitig gearbeitet. Die Sattelschlepper fuhren rückwärts in diese Stollen hinein. Die schweren Stahlrohre wurden auf Transportwagen umgeladen, auf Schienen tiefer in den Berg hineingebracht, mit Kränen hochgehoben, gekippt, mit Seilwinden in die alten Rohre eingeführt und in die Tiefe abgelassen, bis sie, unten angekommen, fertig zum Verschweißen waren. „Das war Zentimeterarbeit.“ Die neuen Rohre haben einen rund 30 Zentimeter kleineren Durchmesser als die alten, der Hohlraum wurde im Anschluss mit Beton ausgegossen.
„Nicht nur, dass es eine logistische Meisterleistung war, die 400 Stahlrohre überhaupt hoch auf den Berg zu schaffen“, erklärt Walter Pölz. „Dazu kam auch noch, dass wir extra Geräte konstruieren mussten, um überhaupt die Montage der Rohre zu bewerkstelligen.“ So entwickelte MCE etwa eine Vorrichtung, die mittels Hydraulikzylinder die exakte Zentrierung der Rohre beim Ablassen durch die bestehende Leitung ermöglichte.
ZEHN TAGE FÜR EIN ROHR
„Das dauerte manchmal Tage, bis ein Rohr an der richtigen Stelle war“, sagt Pölz. „Für das Verarbeiten des ersten Rohrs, das rund einen Kilometer tief heruntergelassen werden musste, brauchten wir fast zehn Tage. Zwar war es nach zwölf Stunden unten, aber neun Tage dauerten die Schweißarbeiten.“ Je weiter unten ein Rohr sitzt, umso größer ist der Wasserdruck, dem es ausgesetzt ist. Ganz unten sind die Rohre deshalb achtzig Millimeter dick, entsprechend lang dauert das Schweißen. „Rohr ablassen, verschweißen, dann das nächste Rohr, auf diese Weise haben wir uns von allen vier Stollen aus gleichzeitig jeweils von unten nach oben gearbeitet.“
EINMALIGE INGENIEURLEISTUNG
Dazu kam noch das „Knie“ im Stollen: Durch die ursprüngliche, geborstene Leitung war der Fels so stark beschädigt worden, dass ein Bypass gelegt werden musste. Der verläuft zunächst 73 Meter senkrecht nach unten, dann knickt er im rechten Winkel ab und verläuft 90 Meter horizontal, bis er schließlich wieder den alten Druckschacht erreicht. MCE hatte die schwierige Aufgabe, die Druckrohrleitungen durch dieses Knie im Bypass hindurchzubekommen. Auch für diese Aufgabe wurden spezielle Kräne entwickelt, mit denen die tonnenschweren Rohre bewegt und passgenau aneinandergefügt wurden. „Das war eine einmalige Ingenieurleistung, so etwas hat es noch nie gegeben“, sagt Pölz. Es habe Nächte gegeben, in denen er kein Auge schließen konnte, der Zeitdruck, die technischen Herausforderungen, die Gefahren für seine Arbeiter, die mit schwerstem Gerät in der Dunkelheit und Enge des Schachts hantierten. „Vor allem auf solchen Baustellen können sich Arbeiter schwer verletzen, das hat mich schon sehr umgetrieben. Gott sei Dank waren alle sehr umsichtig und nichts ist passiert“, erzählt er.
KRAFTWERK HÄLT DREI WELTREKORDE
Seit Januar 2010 strömt nun das Wasser des Lac des Dix durch die Stollen und Rohre. Es braucht 50 Minuten für den knapp 17 Kilometer langen Weg von der Staumauer bis hin zum Kraftwerk Bieudron – einer Kathedrale im Berg, größer als das Kirchenschiff des Kölner Doms. 75 Kubikmeter Wasser schießen pro Sekunde aus dem Druckrohr in die Schaufelräder der gewaltigen Pelton-Turbinen.
Das Kraftwerk hält drei Weltrekorde: die Fallhöhe des Wassers von 1883 Metern, die Leistung pro Turbine von je 423 Megawatt sowie die Leistung pro Pol der Wechselstromgeneratoren von 35,7 Megavoltampere. „Wir haben Bieudron das Wasser wieder gebracht, ohne uns würde das hier alles nicht laufen“, sagt Pölz und schaut zufrieden auf die gewaltigen Generatoren. „Es war das mit Abstand schwierigste Projekt meiner Laufbahn.“
Text: Oliver Link, Fotos: Eric Vazzoler, MCE, Essencedesign.com
Bilfinger Berger Magazin 1/2010
STÄRKUNG DES SERVICEGESCHÄFTS
Das Projekt Cleuson-Dixence ist eines der Prestigeprojekte des Industrie- und Kraftwerksdienstleisters MCE, den Bilfinger Berger 2009 übernahm. Ein Leistungsvolumen von 730 Millionen Euro wurde in die Sparte Industrial Services integriert, etwa 130 Millionen Euro gingen in der Sparte Power Services auf. Bilfinger Berger erweitert damit seine Aktivitäten für Energiewirtschaft und Prozessindustrie und verstärkt insbesondere in Österreich und Deutschland seine Präsenz. Die Übernahme wurde durch eine Kapitalerhöhung finanziert. (si)
WASSERKRAFT HAT ZUKUNFT – NUR NICHT IN DEUTSCHLAND
Wasserkraft deckt 17 Prozent des weltweiten Strombedarfs und ist damit die bedeutendste erneuerbare Energiequelle für die Stromerzeugung. Ihre großen Vorteile: Wasser lässt sich speichern, die Energiegewinnung ist schadstofffrei, die Technik wartungsarm und der Wirkungsgrad liegt bei über 90 Prozent. In Deutschland macht die Wasserkraft dennoch nur knapp vier Prozent der Stromproduktion aus, und voraussichtlich wird der Anteil kaum wachsen. Warum? Fast alle geeigneten Gewässerstrecken sind erschlossen. In Österreich und der Schweiz sind die geografischen Voraussetzungen besser. Stolze 50 bis 60 Prozent des Stroms werden dort mit Wasserkraft erzeugt. (si)






