EINE 14 QUADRATMETER GROSSE HÜTTE OHNE STROM UND FLIESSEND WASSER IN DEN LECHTALER ALPEN: FÜR AUTOR STEFAN SCHEYTT GENAU DER RICHTIGE ORT FÜR FERIEN MIT DREI KINDERN.
Der Vater hat Angst, und das Dumme ist, dass die Kinder es merken. „So was ist in den Bergen überhaupt nichts Ungewöhnliches“, sagt er. Aber der Ton, der beruhigend klingen soll, hat auch etwas Flimmriges, Zweifelndes. Und der Vater spürt, dass die Kinder es spüren.
Wir kauern auf etwa 1900 Meter Höhe an einem Felsbrocken in den Lechtaler Alpen. Irgendwo hinter uns ist der Dawinkopf und irgendwo vor uns der Hohe Riffler, aber von beiden sehen wir nichts. Genau genommen sehen wir nur uns selbst und den Felsbrocken, von dem wir uns Schutz versprechen. Ansonsten nur Nebel. So viel Nebel wie noch nie.
Es ist später Nachmittag, hinter uns liegen sechs Stunden Wanderung mit drei Kindern, eines davon tragen wir abwechselnd auf dem Rücken. Wir wollen zurück in unsere Almhütte, in der wir den Urlaub verbringen, es wären nur noch eineinhalb Stunden, höchstens zwei. Aber dann überrascht uns dieser Nebel. Ganz plötzlich strömt er die Alm herauf, so dicht, dass wir nicht weiter als fünf, sechs Meter sehen. Wir haben Sorge, uns jetzt erst recht zu verlaufen, wie schon beim Hinweg am Vormittag, als die Sonne noch schien. Ziemlich ratlos suchen wir erst mal Schutz neben dem Felsbrocken und warten ab. Aber wie lange? In zwei Stunden ist es dunkel. Also doch durch den Nebel? Es wird schon merklich kälter und feucht, als der Vater seinen hilflosen „So-was-ist-in-den-Bergen-nichts-Ungewöhnliches“-Satz sagt. Am Felsen kauernd sehnen wir uns wortlos nach unserer Hütte. Nach dem Larchi.
SCHLAFSTATT FÜR DIE HEUERNTE
Das Larchi steht nicht weit hinterm Arlbergtunnel in Tirol oberhalb des Örtchens Strengen auf knapp 1500 Meter Höhe. Verwandte, die in der Gegend wohnen, haben es einmal als Schlafstatt gebaut für die Zeit der Heuernte auf den steilen Hängen ringsum. Das Larchi ist nur zu Fuß zu erreichen und bietet auch sonst keinen Luxus – außer dem Luxus des einfachen Lebens. Die Hütte ist ein einziger Raum, darin ein Kamin, ein Holzherd, ein altes Küchenbüfett, ein XXL-Stockbett für zwei oben und zwei unten, ein ausklappbares Sofa, in einer Ecke Esstisch und Bank, darüber ein metallenes Kruzifix und eine Zeichnung von „Sitting Bull“, der wissend in den Raum blickt.
Es gibt keinen Strom im Larchi und fließend Wasser nur am Brunnen vor der Hütte, ein Rinnsal aus einer Bergquelle, immer eiskalt. In trockenen Sommern versiegt es manchmal, dann muss man mit Kanistern zu einer höher gelegenen Quelle steigen. Im Plumpsklo, zwanzig Meter den Hang hinunter, wird mit Sägemehl gelöscht, und der erstaunlich kühle Kühlschrank ist ein gemauertes Viereck mit Holztürchen im Keller, in dem Sensen, Schleifsteine, Äxte und ein Schafschädel liegen. Genau so haben wir es gewollt: schlicht, reduziert; nur wir mit uns selbst und der Natur.
Wir sind schon zum dritten Mal hier. Für die Kinder ist das vielleicht der größte Unterschied zwischen Ferien und Alltag: dass wir Eltern immer da sind, 24 Stunden am Tag. Nur alle drei Tage gehen wir hin unter ins Dorf, um Lebensmittel zu holen, der einfache Weg dauert eine dreiviertel Stunde. Und wenn man etwas vergessen hat, überlegt man es sich doppelt, noch einmal zu gehen. So gibt es auch mal drei Tage ohne Rotwein, Apfelsaft oder Butter auf dem Brot. Es ist, wie es ist, und meist ist es dann auch gut so. Die Eltern vergessen ihre Tageszeitung und das Telefon, die Kinder fragen nicht nach Hörbüchern und Fernsehen.
An den besten Tagen im Larchi stellt sich ein, was man einen Flow nennen könnte: Die Stunden verstreichen zeitlos, jeder versinkt in dem, was er tut, und wenn man davon aufschaut, sieht man den Rest der Familie wie im Fotoalbum – die Kinder spielen am Brunnen, suchen Eidechsen in der Steinmauer und Heuschrecken auf der Wiese, sie streuen im Plumpsklo mit den Sägespänen Muster auf den Boden, sie schnitzen, lesen, klettern den Bergbach rauf und runter, stochern in Ameisenhaufen, lassen sich die Wiese runterrollen, bauen an ihrem geheimen Indianerlager irgendwo im Wald, wo auch die mit Schnüren gebundene Puppe aus Blättern, Moos und Zweigen entsteht. Die Eltern spülen am Brunnen das Geschirr, halten die Hütte bewohnbar, lesen, kochen (meist irgendein Pfannen-Allerlei), hacken, sägen, schleppen Holz. Das Tempo dabei ist immer einen Tick langsamer als im normalen Leben: Man fühlt sich nicht wie ein Gipfelstürmer mit festem Ziel und Höhenmesser, eher wie ein Wanderer, der mit verhakten Händen auf dem Rücken im Rhythmus des eigenen Atems den Berg hinaufsteigt. Und abends sitzen wir bei Kerzenschein unterm Kruzifix und „Sitting Bull“ auf der Eckbank. Dann wird das Larchi, das schon tagsüber ziemlich dunkel ist, vollends zur Höhle: An den Wänden tanzen die Schatten, es riecht nach Rauch und Holz, auf dem Herd zischelt der Wasserkessel, hinterm Vorhang im Stockbett schnarcht die Kleine ihr Babyschnarchen. Wir spielen „Memory“ und „Schwarzer Peter“ und „Mensch ärgere Dich nicht“ und gehen so früh ins Bett wie sonst nie, weil das Spielen bei Kerzenschein schnell müde macht.
DAS HOLZ KNACKT, DIE SPANNUNG KNISTERT
Idyllisch? Ja. Harmonisch? Überhaupt nicht. Dazu gibt es zu viel Geschrei wegen Brennnesseln und Holzsplittern in den Füßen, dazu kracht es zu oft, weil das Leben in einer Almhütte nun mal keine Rückzugsreviere bietet. Manchmal hängt die gereizte Stimmung im Zimmer wie die nasse Wäsche überm Herd. Vor allem an Regentagen, wenn im Ofen das Holz knackt, knistert im Raum die Spannung.
Aber alles am Urlaub im Larchi sei „echt“, sagt unsere große Tochter. Und wenn man nachhakt, was sie damit meint, fällt ihr ein, dass man im oberen Stockbett beim Aufwachen jeden Morgen den Kopf am Balken anstößt; dass es richtig Angst macht, in stockdunkler Nacht über die nasse Wiese zum Klohäuschen zu gehen, dessen Tür knarziger knarzt als in jedem Gruselfilm; und dass es Spaß macht, die selbst gesammelten Parasolpilze in der Eiertunke zu schwenken und dann in der Pfanne zu braten. Das Gefühl, dass hier alles „echt“ ist, erfasst regelmäßig auch uns Erwachsene. Zwei Stunden Holz gehackt und sämtliche Körbe und Lager damit gefüllt, morgens das Feuer entfacht und die Hütte gewärmt – und schon fühlt man sich irgendwie autark, auch wenn man weiß, dass das ziemlich lächerlich ist. Eine Block hütte auf einer Alm in den Alpen, ein paar zivilisatorische Errungenschaften weniger – und schon ist man ein Abenteurer. Solche Selbstbehauptungsphantasien wachsen einem sogar zu, wenn man nur die Sahne mit dem Handbesen schlägt. „Schmeckt irgendwie besser als zu Hause“, bestätigen die Kinder.
TIERKNOCHEN UND BERGINDIANER
„Wirklich ganz echt“ sind auch die Tierknochen, die wir am Morgen bei unserer Wanderung zur Dawinalm finden. Zuerst rätseln die Kinder über das Opfer – ein Reh, ein Kalb, ein Wildschwein? – dann über dessen Jäger: „Papa, gibt’s hier Wölfe? Oder Luchse? Oder Bären?“ Die Bären- und Wolfsfrage nimmt immer fantastischere, immer bedrohlichere Wendungen und bricht zum Glück abrupt ab, als wir den Weg verlieren. So steigen wir quer durch den Wald nach oben, kriechen unter Elektrozäunen hindurch, folgen unseren Vermutungen. Plötzlich tauchen aus dem Nichts drei Jungen auf. Matthäus, 13, der Älteste, trägt auf dem Rücken ein hölzernes Tragegestell und eine Drahttrommel. Die drei Kuhhirten sind auf dem Weg, einen Weidezaun ab- und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Zu Hause fänden unsere Kinder Matthäus´ Seppl-Hut bestimmt lächerlich, aber wie er hier so zielsicher querwaldein schnürt, als kenne er jeden Stumpf und Pfad, ist der Hut schon eher ein Zeichen für Kennerschaft. Und als die Buben dann auch noch erzählen, sie lebten tagelang allein in einer Hütte im Wald, werden sie für unsere Großen zu wahren Bergindianern. Natürlich weiß Matthäus, wie wir zur Dawinalm finden, und er bleibt selbst dann noch cool, als er sich vor unseren Augen beim Griff in den Rucksack an seiner Axt schneidet. Bleich, aber gefasst hockt er am Boden und erklärt uns mit verbundenem Daumen den Weg.
„WIR SIND HELDEN“
Auf der bewirtschafteten Dawinalm gibt es frische, vor Sahne strotzende Milch aus schweren Porzellanbechern, der Käse und der Speck liegen in dicken Scheiben auf den Vesperbrettchen. Die Senner lassen ein paar Schweine frei herumlaufen, neugierig schnuppern sie an unseren Rucksäcken, und wir sind genötigt, unserer beharrlich fragenden kleinen Tochter zu erklären, was der Schinken und die Schweine miteinander zu tun haben. Die Großen sammeln derweil zwei Dutzend Frösche auf der Wiese und verdonnern sie zum Schwimmen in der Kuhtränke. Auf dem Rückweg zum Larchi kommen uns zuerst Kühe entgegen, angetrieben von Hirtenjungen, einer trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Wir sind Helden“. Für unsere große Tochter steht jetzt endgültig fest, dass sie auch einmal Hirte werden will. „Und nicht nur einen Sommer lang.“ Nach den Kühen kommt der Nebel, der uns zur Pause an dem Felsbrocken zwingt. Wir sitzen und warten, und nach einer halben Stunde ist die Sorge, wir würden durch einen stockdunklen Wald wandern müssen, größer als die Sorge, durch Nebel zu gehen, und so ziehen wir los.
Tatsächlich sind wir zwei Stunden später, kurz nach Einbruch der Nacht, im Larchi. Die Hütte füllt sich mit Rauch und Geschrei. Wie lächerlich ist unsere Vorstellung, die Kinder müssten jetzt erschöpft vom vielen Laufen und von der Aufregung zufrieden in ihre Betten fallen. Zuerst gibt es Streit ums Feuermachen, dann quillt Qualm aus allen Ritzen des Herds, weil er mit Zeitungspapier verstopft ist. Und die Kleine scheint noch alle Bewegungen nachholen zu wollen, die ihr während des langen Tags im Tragetuch nicht möglich waren.
BABYSCHNARCHEN UND BRUNNENWASSER
Selbstverständlich verzichten die Großen nicht aufs Spielen, und auch nicht darauf, beim ins Bett gehen ihren Kopf am Balken anzustoßen. Als ihr Gejammer endet, ist nur noch das Babyschnarchen zu hören und von draußen das Wasser, wie es in einem dünnen Strahl in den Brunnen fällt.
Text: Stefan Scheytt, Fotos: Cira Moro
Bilfinger Berger Magazin 1/2010





