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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 2/2008

Literaturtipp
Michael Braungart, William McDonough:
Einfach intelligent produzieren.
Berliner Taschenbuch Verlag, 2008.

Grüner Sitzen

MIRRA IST MEHR ALS EIN BEQUEMER BÜROSTUHL – ER IST DAS VORZEIGEPRODUKT EINER NEUEN RESSOURCEN-PHILOSOPHIE.

Sein Name: Mirra. Sein Auftrag: weltweit für Komfort zu sorgen. Bald wird der millionste Mirra verkauft – unter anderem benutzen ihn Tausende von Gästen der Hotelkette Hilton Garden Inn, die Bank of Australia und der britische Geheimdienst. Sie alle sitzen ökologisch extrem korrekt – und trotzdem ist die Philosophie, die hinter dem Stuhl steckt, nicht eine des Verringerns und Vermeidens, sondern eine der lustvollen Ver(sch)wendung von Ressourcen. Schöpfer des Bürostuhls ist die Design-Schmiede Studio 7.5 in einem schattigen Berliner Hinterhof. In einer ehemaligen Schlosserei haben sich Carola Zwick, ihr Bruder Roland Zwick, Claudia Plikat und Burkhard Schmitz eine Werkstatt eingerichtet, in der sie schweißen, fräsen, feilen, hämmern und sägen.Vor allem hier, zwischen den kreischenden Maschinen und nicht an den Computern im ersten Stock, ist Mirra entstanden.

PROTOTYP AUS SPERRHOLZ UND MOOSGUMMI
Es ist rund zehn Jahre her, da bekam das Studio 7.5 einen Anruf des amerikanischen Büromöbel-Herstellers Herman Miller. Das Unternehmen forderte damals vier Design- Büros auf, ihre Vision vom Büro-Stuhl der Zukunft aufs Papier zu bringen. Gefragt waren viele hübsche, bunte Zeichnungen. Burkhard Schmitz flog ohne Zeichnungen in die USA. Dafür hatte er den Prototyp eines Stuhls im Gepäck, den er und seine Mitstreiter in ihrer kleinen Werkstatt zusammengebaut hatten: aus Sperrholz, Stahl und Moosgummi. Die Miller-Manager saßen zur Probe, waren beeindruckt und erteilten Studio 7.5 den Auftrag weiterzumachen.Was sie wollten,war ein bequemer Stuhl im mittleren Preissegment, um die 800 Euro. Irgendwie umweltfreundlich sollte er auch sein.
Bis der Stuhl fertig war, dauerte es fünf lange Jahre. In dieser Zeit entwarfen die Berliner Designer sieben Mirra-Generationen, die in Kleinserien zu jeweils 100 oder 200 Stück gebaut und in Büros, beispielsweise in Call-Centern, monatelang getestet wurden. Die vier Designer saßen in New York, Chicago und Los Angeles hinter verspiegelten Glasscheiben, um Menschen beim Ausprobieren des Stuhls zu beobachten. Sie studierten Videos mit sitzenden Büro-Angestellten. Miller stellte ihnen eine Studie zur Verfügung, an der sich neben vielen amerikanischen Industrieunternehmen auch die US-Airforce beteiligt hatte und bei der die Körper von rund 2400 Männern und Frauen mit Hilfe von Lasern so exakt wie möglich vermessen worden waren.
Während die Mirra-Designer den Stuhl entwickelten, holte Miller einen weiteren Deutschen ins Boot:Michael Braungart, 50, Chemiker und Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg. Vor allem aber ist Braungart Öko-Visionär. Er hat viele große Unternehmen wie Ford, Nike und eben Herman Miller mit grünen Ideen beliefert. Früher kletterte Braungart als Greenpeace-Aktivist auf Schornsteine. Heute vertritt er Positionen, mit denen Umweltschützer und Industrie- Manager gleichermaßen etwas anfangen können. Das liegt daran, dass er einerseits radikal den Schutz der Umwelt fordert, andererseits aber auch dafür plädiert, dass fleißig produziert wird. Verzicht üben, Ressourcen sparen, die nächste Filtergeneration entwickeln, ist für Braungart nicht die Zukunft. Denn auf diese Weise,meint er, gehe die Umwelt einfach nur ein Stückchen langsamer kaputt. Was die Welt eigentlich brauche, sei die nächste industrielle Revolution.

VERSCHWENDUNG IST ERLAUBT
Wenn der Chemiker seine Philosophie erklärt, spricht er immer wieder über die Natur als Vorbild:„Blühende Bäume im Frühling sind scheinbar extrem verschwenderisch, denn nur aus den wenigsten Blüten werden neue Bäume entstehen. Doch alle Blüten, die nicht der Vermehrung dienen, fallen zu Boden und werden zu Nährstoffen für andere Organismen – eine geradezu sinnvolle Verschwendung.“ Warum soll nicht auch der Mensch so produzieren und wirtschaften? Braungarts Botschaft: Man darf verschwenderisch sein, wenn der Abfall wieder zu Nährstoff wird.
So hat Braungart für den Textilhersteller Trigema ein T-Shirt entwickelt, das kompostierbar ist.Was nicht zerfällt und auf diese Weise in den ökologischen Kreislauf zurückfindet, wird im Braungart’schen System erneut verwendet. Je öfter und einfacher sich beispielsweise ein Stück Kunststoff ohne Qualitätsverlust wiederverwerten lässt, umso besser. Sein Vorschlag: Wer Turnschuhe, ein Fernsehgerät oder ein Auto kauft, soll nicht mehr das Produkt selbst, sondern nur noch dessen „Dienstleistung“ erwerben. Das Material bleibt Eigentum des Herstellers. Wenn das Produkt seinen Dienst verrichtet hat, nimmt dieser es zurück, zerlegt es in seine Einzelteile und baut sie in „neue“ Produkte ein.
Braungarts Vision: eine Welt ohne Mülldeponien und Umweltverschmutzung, in denen alle Gebrauchsgüter ausschließlich aus ungiftigen Stoffen hergestellt und in Kreisläufen geführt werden. Hier muss niemand mehr ein schlechtes Gewissen haben, denn Konsum ist gut für Mensch und Natur. „Vermeiden, Reduzieren und Sparen der Umwelt zuliebe – das ist dann nur noch eine ferne Erinnerung“, schwärmt Braungart. Er nennt seine Philosophie „cradle to cradle“ – von der Wiege zur Wiege.

VERZICHT FÜHRT ZU FRESSATTACKEN
Mirra zeigt, wie das „cradle-to-cradle“-Prinzip funktioniert: Für die Produktion des Stuhls wird ausschließlich Öko-Energie verwendet, 96 Prozent des eingesetzten Materials lassen sich recyceln, 42 Prozent für den nächsten Stuhl wiederverwenden. Der von Miller für die Rückenlehne eingesetzte Kunststoff kann 25 Mal erneut verwertet werden, dabei ist er billig und keine besonders komplexe Mischung. Der Stuhl lässt sich in wenigen Minuten auseinanderbauen: eine wesentliche Voraussetzung für Recycling. Die Designer von Studio 7.5 finden die Cradle-Philosophie schlicht revolutionär. „Verzicht üben ist ehrenwert, führt aber irgendwann zu Fressattacken“, meint Schmitz. „Ziel muss es doch sein, dass wir so weiterleben können wie bisher und trotzdem nicht die Umwelt belasten.“
Mittlerweile gibt es ein „cradle-to-cradle“-Zertifikat, mit dem Unternehmen ihre Produkte auszeichnen lassen können. Gerade ist das Prinzip auf dem besten Weg, populär zu werden, denn Schauspieler Brad Pitt interessiert sich dafür. Zusammen mit einer Kosmetikfirma hat er eine eigene „cradle-to-cradle“-Marke herausgebracht.

Text: Asmus Hess, Fotos: Anneke Hymmen, Rainer Kwiotek, Barbara von Woellwarth
Bilfinger Berger Magazin 2/2008