WIE WACHSEN DEUTSCHE KINDER IN ARABIEN AUF? EIN BESUCH BEI FAMILIE RIEDEL IN ABU DHABI
Auf den Gehsteigen sitzen Männer in knöchellangen, weißen Hemden. Autoschlangen verstopfen die mehrspurigen Straßen zwischen bizarren, mit Arabesken verzierten Hochhausfassaden. Dazwischen behaupten sich ältere Bauten, prächtige Wohnpaläste und Moscheen. „Dort ist Scheich Zayed beerdigt, der Vater der Nation“, sagt Kristina Riedel und zeigt durch die Windschutzscheibe auf eine riesige Moschee, sie bietet Platz für 40 000 Gläubige. Drinnen liegt der weltweit größte Perserteppich, so groß wie ein Fußballplatz. An der Decke hängt der weltgrößte Kronleuchter, 18 Meter im Durchmesser. Superlative in Abu Dhabi City, Hauptstadt der Arabischen Emirate, die ihren Boom den gigantischen Ölvorkommen verdanken und Ausländer zu Hunderttausenden anziehen: 80 Prozent der Einwohner sind sogenannte Expatriates, vor allem Billiglohn-Arbeiter vom indischen Subkontinent, aber auch Fachleute aus aller Herren Länder, die häufig ihre Familien mitbringen.
„WIR MÖGEN DAS MULTIKULTI-LEBEN“
Im Fond des klimatisierten Geländewagens sitzen Jasmin, 14, und Nicole, 11, die Töchter des Ehepaars Riedel. Sie haben ihr ganzes bisheriges Leben am Golf verbracht. „Abu Dhabi ist mein Zuhause“, sagt Jasmin. Natürlich fehlen ihr die Großeltern, die in Dortmund leben. Und Omnibusse, die oft und pünktlich fahren, damit ich mal ohne meine Mutter los könnte.“ In Abu Dhabi gibt es keine innerstädtischen Busse und Bahnen. Aber sonst? „In Deutschland sind nur Deutsche“, sagt Jasmin. „Hier kenne ich Leute aus allen Ländern.“
„Wir wollen nicht zurück nach Deutschland“, bestätigt Mutter Kristina am Steuer. „Wir mögen das Multikulti-Leben.“ Wenn die Riedels zu einer Party einladen, haben sie zehn Nationalitäten im Haus, erzählt die Mutter. „Allein kulinarisch ist das schon lustig, weil jeder was mitbringt. Ich steuere Käsekuchen und Sauerkraut bei.“ Wie sind die Expats aus den anderen Ländern so? „Libanesen sind grundsätzlich unpünktlich, aber sehr herzlich zu Kindern“, sagt Kristina Riedel und lacht. „Die Engländer reden alles schön. Die Emirati- Kinder schlafen mittags drei Stunden und sind dann bis Mitternacht wach.“ Vielleicht trifft man sich auch deshalb so oft privat, weil es kaum öffentliche Angebote gibt: weder Theater noch Oper, auch keine Jugendhäuser, Büchereien oder Sportvereine mit ehrenamtlichen Betreuern. Und die kommerziellen Freizeitangebote sind weit verstreut. Im Durchschnitt fährt Kristina Riedel 150 Kilometer am Tag.
Das stört sie aber nicht. „Wir haben ein anderes Problem: die ständige Wohnungssuche“, sagt sie.Wohnraum ist knapp und teuer. Sechsmal mussten die Riedels in den vergangenen siebzehn Jahren umziehen, und jetzt will der Vermieter die Miete wieder um vierzig Prozent erhöhen. „Inzwischen zahlt man hier höhere Mieten als in Paris, drei- bis viertausend Euro pro Monat. Selbst wer bereit ist, das zu zahlen, findet oft keine Wohnung.“ Viele Expats leben deshalb monatelang im Hotel.
TREFFPUNKT IST DIE SHOPPING MALL
Derzeit wohnen die Riedels im neuen Vorort Khalifa City in einer Doppelhaushälfte. Bevor sie hierher zogen, lebte die Familie in einer Wohnung im Stadtzentrum. Das fand Jasmin toll, weil die Al Wahda Shopping Mall nur ein paar Schritte entfernt lag, eines der luxuriösen Einkaufszentren, die in den Emiraten die traditionellen Bazare verdrängt haben. Jasmin verbringt hier fast jeden Samstag.„Am vergangenen Wochenende war Jeanine aus dem Libanon dabei, Zeid aus Jordanien, Lucy aus England, Hamdan aus den Emiraten und Grace aus Südafrika“, erzählt die 14-Jährige begeistert. Stundenlang schlendern die Teenager dort durch das vollklimatisierte Shopping- Paradies: Rolltreppen, glitzernde Passagen, Restaurants, Cafés und Boutiquen auf drei Ebenen. Zwischendurch setzen sich die Freundinnen ins Café, trinken Kakao oder Frappuccino und „manchmal gehen wir auch ins Kino.“ Die Namen der Läden sind auch in arabischer Schrift zu lesen. Kann Jasmin arabisch? „Wir haben eine Stunde jede Woche, ich kann lesen und schreiben, aber nicht gut sprechen.“
TERMINE, TERMINE
Mutter Kristina stoppt den Wagen an der Schule, die Mädchen steigen aus und wechseln sofort ins Englische, als sie ihre Freundinnen begrüßen. An der internationalen Schule der Riedel-Töchter, an der die jährliche Gebühr pro Schüler knapp 8000 Euro beträgt, sind die meisten Lehrer Briten. Heute ist Sonntag, nach dem Unterricht muss Jasmin zur Orchesterprobe, anschließend zum Trampolin- Training, Nicole hat Schwimmstunde und Tennisunterricht. An anderen Tagen ist Volleyball angesagt, das soziale Praktikum im Hundeheim oder Eiskunstlauf. Wie bitte? „Ja“, sagt Kristina Riedel, als sie den Wagen zurück zum Haus in Khalifa City steuert. „Es gibt ein Eisstadion in Abu Dhabi, Nicole ist ganz begeistert, sie geht dreimal pro Woche zum Training.“ Jedes Mal muss die Mutter fahren, 15 Kilometer pro Strecke. Eine aufwendige Angelegenheit – auch wenn der Liter Sprit gerade mal 25 Cent kostet – Kristina Riedel ist eine Art Transportunternehmen. Sie hält ihrem Mann den Rücken frei, der täglich zwölf Stunden im Kraftwerk ist.
Jürgen Riedel studierte Elektrotechnik im heimischen Dortmund. Nach Abschluss des Studiums bewarb er sich bei der Babcock Gruppe in Oberhausen, die suchte Elektrotechniker für Abu Dhabi. Das war 1991. Ein Jahr später folgte ihm seine Freundin Kristina, sie heirateten und blieben. „Mich reizten die Aufstiegschancen“, sagt Riedel.
CHATTEN MIT 20 FREUNDEN
Jürgen Riedel hat sich auf Wartungsservice spezialisiert und arbeitet heute für Bilfinger Berger Power Services. Seit drei Jahren ist er verantwortlich für den reibungslosen Betrieb des Kraftwerks Al Taweelah B. Dort wird aus Meerwasser Trinkwasser gewonnen, jeden Tag die gigantische Menge von 640 000 Kubikmetern, und mit Dampf- und Gasturbinen Strom erzeugt: 2000 Megawatt, das reicht für eine mittelgroße deutsche Stadt. Gewöhnlich kommt Jürgen Riedel um acht Uhr abends nach Hause. Dann hat die Familie schon gegessen, Nicole, die einmal Tierärztin werden will, schmust mit Kater O’Melley und den Hasen. Jasmin sitzt am Computer und chattet. Es ist die einzige Möglichkeit, Freundschaften zu pflegen.Während der Woche ist es aufgrund der großen Entfernungen zwischen den Elternhäusern kaum machbar, nach der Schule Freundinnen zu treffen. Deshalb darf Jasmin am Abend zwei Stunden ins Internet.Warum ruft sie ihre beste Freundin nicht einfach an? „Telefonieren kann man nur zu zweit, aber wir sind manchmal zu fünft, auch mal zehn, zwanzig, dreißig Freunde!“
STRÄNDE SIND MEIST PRIVAT
Im Zimmer nebenan, zwischen Hometrainer, Tischfußball und einem Jugendfahrrad, das nie benutzt wird, weil die Wege zu weit sind, steht Kristina Riedel vor einem Regal und sortiert Fotos in ein Album: Mama mit Nicole im kleinen Motorboot, Mama mit Jasmin am Strand, Papa auf Wasserskiern. „Bis vor einigen Jahren waren wir oft an diesem Strand“, erzählt sie. Jetzt steht dort das Emirates Palace Hotel mit sieben Sternen, und der Strand ist privatisiert – wie überall in Abu Dhabi. Nur gegen hohen Eintritt können die Riedels noch schwimmen gehen.
ENDLICH WOCHENENDE
Nach zwei Stunden fährt Jasmin den Rechner herunter und geht die Treppe hoch in ihr Zimmer, das aussieht, wie Zimmer von 14-jährigen Mädchen aussehen. Hochbett, Bücherregal, Schreibtisch, Spiegel, Schminkkram, Schmuck und zwei Parfümfläschchen. Sie widmet sich ihrer zweiten Leidenschaft neben dem Chatten: „Ich liebe Bücher.“ Ob in Deutsch oder Englisch, kümmert sie nicht. Sie liest, was sie zwischen die Finger bekommt. Normalerweise muss sie um halb zehn das Licht ausmachen. Doch heute darf sie länger lesen, denn morgen ist Freitag,Wochenende. Die Familie will in die Wüste fahren, Jasmins Freundin, Amelia aus England, kommt mit. „Wir schalten den Allrad-Antrieb ein, lassen Luft aus den Reifen und fahren über die Dünen“, erzählt Mutter Riedel. „Manchmal hängen wir einen Bob hinters Auto und flitzen über den Sand“, ergänzt Nicole.
DIE WÜSTE LEBT
Freitagmorgen, es geht los, auch der Kompressor ist eingeladen, um die Reifen für den Rückweg wieder aufzupumpen. Unterwegs ein Stopp bei der Kamelfarm: Mehr als hundert Tiere schlendern träge über die Sandpiste, plötzlich jauchzt die 14-jährige Jasmin entzückt: „Süß, och, die haben ja alle Junge bekommen. Sieh mal, das Kleine kann noch kaum laufen – und das da trinkt gerade bei der Mutter.“ Eine halbe Stunde füttern die Mädchen die Tiere mit Heu, danach wird es Zeit, weiter zu fahren. Es wird bald dunkel, und die Familie möchte vorher einen geschützten Platz für das Zelt zwischen den Dünen finden.
„Was ist mit Skorpionen und Kamelspinnen?“, fragt Freundin Amelia ängstlich, als sie neben Jasmin auf dem Rücken einer Düne liegt und den Sand durch die Zehen rieseln lässt. „Keine Sorge, die kommen erst nachts raus, wenn wir schon sicher im Zelt sind.“ Halb sieben, die Sonne duckt sich hinter eine Düne, das Zelt steht. „Das sind die wunderbaren Momente“, sagt Jürgen Riedel und lächelt:„Am Abend in der Wüste ums Feuer sitzen und über uns dieser unglaubliche Sternenhimmel.“ Auch in diesem Sommer reist die Familie nach Deutschland, um die Ferien bei den Großeltern zu verbringen. Auf was freut sich Jasmin am meisten? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Auf den Regen.“
(Text: Uschi Entenmann, Fotos: Uli Reinhardt)

