KRIMINELLE JUGENDBANDEN IN MITTELAMERIKA SIND EIN ERGEBNIS DER BÜRGERKRIEGE UND VERFEHLTER POLITIK. DABEI WÄREN SIE ZU INTEGRIEREN. NICARAGUA HAT ES VORGEMACHT
„Du willst wissen, wo Calaca ist“, sagt Rocko und kneift die Augen zusammen. „Das kann ich dir sagen: Der liegt auf dem Friedhof.“ Und El Silencio? „Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist er abgetaucht. Alle verstecken sich heutzutage.“ Vor einigen Jahren war es einfach, Calaca („Der Totenschädel“) und El Silencio („Der Schweigsame“) zu finden. Sie streiften durch die Vororte von San Salvador, hingen betrunken auf Bolzplätzen herum oder saßen in der Ruine eines verlassenen Hauses und rauchten Marihuana oder Crack. Kam ein Passant vorbei, bettelten sie ihn an. Aber es konnte auch vorkommen, dass sie ihn überfielen und ausraubten. Calaca und El Silencio hatten immer eine Waffe dabei. Ein Messer, eine Pistole oder eine „Chimba“. So nannten sie ihre selbst gebastelten Knarren. Calaca und El Silencio gehörten zur MS-13, zur Mara Salvatrucha.
Die Mara Salvatrucha ist die gefürchtetste Jugendbande in Mittelamerika. In El Salvador hat sie mindestens 25 000 Mitglieder,wenigstens noch einmal so viele gehören anderen Maras an. Auch in den Nachbarländern Honduras und Guatemala und in Mexiko und den USA gibt es tausende Mitglieder solcher Jugendbanden. Niemand weiß, wie viele es insgesamt sind. Die Schätzungen schwanken zwischen 200 000 und einer Million. Die Regierungen der betroffenen Länder machen sie für bis zu 60 Prozent aller Morde verantwortlich.Wenn das stimmt, bringen Maras alleine in El Salvador mehr als 2000 Menschen im Jahr um.
DIE SPIRALE DER GEWALT
Die Politik reagiert mit Gegengewalt. Gesetze wurden verabschiedet, in denen die Banden als „terroristische Vereinigungen“ gebrandmarkt werden. Allein die Mitgliedschaft kann mit bis zu zwölf Jahren Haft bestraft werden. Gemeinsame Patrouillen von Armee und Polizei streifen nachts durch die Armenviertel und dringen mit Vorschlaghämmern in Wohnungen ein, in denen Mareros vermutet werden. Es wurde sogar eine grenzüberschreitende schnelle Eingreiftruppe zur Bekämpfung der Banden gegründet. Allein in El Salvador sitzen 6200 ihrer Mitglieder im Gefängnis – und organisieren von dort aus Drogenhandel, Erpressung und Mord.
Nur ein Land verhielt sich anders. Als in Nicaragua zu Beginn des Jahrtausends die ersten Maras entstanden, legte die Polizei ein Integrationsprogramm auf. Handel, Handwerk und Bevölkerung der Stadtteile, in denen die Banden ihr Unwesen trieben, wurden mit einbezogen. „Die anderen Länder erklärten uns damals für verrückt“, sagt Amín Gurdián, der für Jugendfragen zuständige Kommissar bei der nicaraguanischen Polizei. „Heute wären sie froh, wenn sie so wenig Probleme mit Maras hätten wie wir.“ Nach der Polizeistatistik des Landes waren Jugendliche im vergangenen Jahr für ein halbes Dutzend Morde verantwortlich. „In El Salvador haben sie das jeden Tag“, sagt Gurdián. Maras sind nach den Bürgerkriegen der 1970er und 1980er Jahre entstanden und die Fortsetzung der damals entstandenen Kultur der Gewalt. In den Bürgerkriegsjahren herrschten in Guatemala, Honduras und El Salvador blutige Militärdiktaturen, die Oppositionspolitiker und Intellektuelle mit Todesschwadronen verfolgten. Linke Guerillas begehrten dagegen auf. In Nicaragua kämpften zuerst die linken Sandinisten gegen die Diktatur der Somoza-Familie, nach deren Sieg dann die rechten Contras gegen die neuen Herren des Landes. Die Kriege wurden hauptsächlich auf dem Land ausgetragen. Die Zivilbevölkerung floh in die Städte und ließ die Armenviertel anschwellen. Und Hunderttausende zogen weiter, als illegale Arbeiter in die USA. Allein in Los Angeles leben heute rund eine halbe Million Salvadorianer.
FLINK, INTELLIGENT, GRAUSAM
In Los Angeles lernten die Flüchtlingskinder das Bandenunwesen kennen. In den Vierteln der Schwarzen und Latinos kontrollierten Gangs den Drogenhandel und fochten Gebietskämpfe mit Schusswaffen aus. Die jungen Salvadorianer gründeten ihre eigene Bande: Die Mara Salvatrucha, ein Kunstwort, das den Namen des Herkunftslandes mit dem Wort „trucha“ – Forelle – kombiniert. Der Fisch ist in El Salvador ein Symbol für Flinkheit und Intelligenz. Viele Mareros der ersten Generation ließen sich das Kürzel ihrer Bande in großen Buchstaben ins Gesicht tätowieren: MS-13. Die 13 steht dabei für den 13. Buchstaben im Alphabet.M wie Mara. Ein ins Gesicht gezeichnetes Kreuz bedeutet, dass der Betreffende schon jemand umgebracht hat. Neben der MS-13 entstand in Los Angeles eine zweite große Mara: die Mara 18, die ihren Namen von der 18. Straße hat, die sie als ihr Operationsgebiet beanspruchte.
In den 1990er Jahren begannen die USA, straffällig gewordene Jugendliche aus Mittelamerika in ihre Heimatländer abzuschieben. Dort trafen sie auf andere Entwurzelte: junge Leute, die im Krieg groß geworden waren. Das traditionelle Sozialgefüge der Großfamilie war bei der Flucht vom Land in die Armenviertel der Städte zerbrochen. Kaum eine Familie war mehr intakt. Die Jugendlichen hatten ein paar wenige chaotische Schuljahre hinter sich und konnten kaum lesen und schreiben. Arbeit gab es für sie nicht, sie schlugen sich meist als Kleinkriminelle durch. Die Abgeschobenen aus den USA wussten, wie man solche Verlierer zu schlagkräftigen Maras formen kann.
„Die Rückkehrer waren für uns die Helden“, sagt Rocko. Mehr als 10 000 junge Straftäter haben die USA nach El Salvador abgeschoben. Sie trugen die Schlabber- Mode der US-amerikanischen Rapper, nahmen Drogen und konnten mit Feuerwaffen umgehen. „Wir kannten das alles nur aus dem Kino.“ El Silencio war so ein Abgeschobener, und Jungs wie Rocko bewunderten ihn. Er behauptete gar, er habe in Los Angeles einen von der Mara 18 umgebracht. „Als Leute wie El Silencio kamen, wurde es richtig hart“, sagt Rocko. Seither steckt er sich eine Pistole in den Hosenbund, wenn er aus dem Haus geht.
Schnell kontrollierten die Maras ganze Stadtviertel und erpressten Schutzgelder von Busfahrern, Prostituierten und Ladenbesitzern.Wer nicht bezahlte, wurde erst gewarnt und dann umgebracht. Bei blutigen Schlachten zwischen rivalisierenden Banden gab es Dutzende von Toten. Je härter die Polizei gegen sie vorging, desto professioneller wurden die Maras. Früher gehörten die Tätowierten mit großspurigem Machogehabe zum Straßenbild. Heute operieren sie im Verborgenen. Außer dem Schutzgeldgeschäft kontrollieren sie den lokalen Drogenhandel. Und sie verdingen sich als Killer. Hundert Dollar reichen, um einen Mord in Auftrag zu geben. In El Salvador ist das für die Täter verhältnismäßig risikolos:Weniger als zehn Prozent von ihnen werden gefasst und verurteilt. Maras sind in El Salvador, Guatemala und Honduras heute das brennendste Problem der inneren Sicherheit. Nur Nicaragua ist dieser Spirale der Gewalt entgangen.„ Wir haben das Problem vor fünf Jahren erkannt“, sagt Jugendkommissar Gurdián.„Damals zählten wir 171 Risikogruppen und 35 echte Jugendbanden.“ Die Polizei suchte nicht die Konfrontation, sondern den Dialog. „Wir wussten, dass diese Jungs eigentlich Verlierer sind, die keinen Platz in der Gesellschaft finden.Und wir wussten, dass wir das Problem nur lösen können, wenn wir sie integrieren.“
So handelte die Polizei mit den Banden zunächst einen Waffenstillstand aus, dann die Entwaffnung und schließlich die Integration in ihre Stadtviertel. „Wir mussten nicht nur die Mareros überzeugen, sondern auch die Bevölkerung, die unter ihnen litt“, sagt Gurdián. Die Polizisten redeten mit Sportvereinen, mit Kirchen, mit örtlichen Handwerkern. Überall warben sie für die Problemjugendlichen und versuchten, sie unterzubringen. Gemeinsam mit den Bürgermeisterämtern bauten sie Sportplätze und kleine Parks und machten die Mareros für die Instandhaltung verantwortlich. „Es war nicht leicht, die Bevölkerung für unser Konzept zu gewinnen“, sagt Gurdián. „Die Leute hatten Angst und wollten, dass wir hart durchgreifen. Aber wenn wir sagten: Seht mal, das könnte auch euer Sohn sein – dann hatten sie Verständnis.“ 4000 Mareros sind seither ausgestiegen.
EINFACHE BÜRGERLICHE TRÄUME
Auch El Salvador hätte diesen Weg gehen können. Denn viele jugendliche Mareros hatten im Grunde ganz einfache bürgerliche Träume. Als El Silencio in den 1990er Jahren aus den USA abgeschoben wurde, erzählte er im Viertel, er suche nun „die Frau fürs Leben, mit der ich ein Heim haben kann“. Statt auf der Straße herumzuhängen wollte er „arbeiten und ein Vorbild für andere sein“. Und Calaca, der ohne Vater und mit vier Geschwistern in der Hütte einer Flüchtlingssiedlung aufwuchs und gerade vier Schuljahre hinter sich hatte, als er zur MS-13 stieß, träumte davon,„in einer Autowerkstatt zu arbeiten oder einer Polsterei“. Dann hätte er nicht rauben und dealen müssen, um seine Freundin und seine einjährige Tochter durchzubringen. „Aber mit den Tattoos im Gesicht nimmt dich kein Meister“, klagte er kurz vor seinem Tod.
Rocko ist nach Jahren auf der Straße ausgestiegen und versucht heute im Kleinen, was Nicaragua im Großen vorgemacht hat. Mit Kugelschreibern in der Hemdtasche und Bügelfalte in der Jeans klappert er Hilfsorganisationen ab und wirbt für Projekte, in denen Mareros ihre einfachen Träume verwirklichen können: für eine Autowaschanlage oder eine kleine Bäckerei. „Für die meisten komme ich zu spät“, weiß er. „Die haben mit Drogenhandel und Schutzgelderpressung das große Geld geschnuppert und scheuen das Licht.“ El Silencio sei wahrscheinlich einer von ihnen.
Calaca aber hatte er fast so weit. Der Junge dachte schon darüber nach, sich die Tattoos aus dem Gesicht entfernen zu lassen. Eines Abends ging er mit seiner Freundin und seiner Tochter zum Tante-Emma-Laden an der Ecke. Ein weißer Pick-up mit abgedunkelten Scheiben fuhr vor. Der Beifahrer drehte das Fenster herunter, zog eine Pistole und schoss. Eine Kugel in den Kopf, zwei in die Brust. Calaca war sofort tot. Er war noch keine zwanzig Jahre alt. Ein weiterer Mord, der nie aufgeklärt wurde.Wäre Calaca in Nicaragua groß geworden, er könnte noch leben.
(Text: Toni Keppeler, Fotos: Yvonne Berardi)

