DIE 20 JAHRE ALTE ETHNOLOGIE-STUDENTIN M. ARBEITET IN IHRER FREIZEIT EHRENAMTLICH BEI DER „NUMMER GEGEN KUMMER“, EINEM BERATUNGSTELEFON FÜR JUGENDLICHE
Mein Dienst ist samstags von 15 bis 18 Uhr. Danach bin ich so fertig, dass ich nach Hause fahre, ganz viel esse, mich in mein Bett lege und den Fernseher anmache, damit ich nicht mehr denken muss. Ich habe danach immer einen leeren Kopf, wie nach einer schweren Klausur.Wenn es ein trauriges Gespräch war, weine ich auch manchmal. Aber nur kurz, ich bin zum Glück kein trauriger Mensch.
In der Ausbildung zum Jugendberater haben wir krasse Fälle geübt. In der Realität kommt es zum Glück selten vor, dass ein Jugendlicher anruft und sagt: „Ich stehe auf der Brücke und springe jetzt!“ Ich hatte diesen Fall noch nie. Aber ich bin darauf vorbereitet. Wenn es passiert, muss man erstmal bedenken, dass der Anrufer den Impuls hatte, unsere Nummer zu wählen. Man muss solche Anrufe natürlich sehr ernst nehmen, aber man kann davon ausgehen, dass derjenige nicht so gefährdet ist, wie es zunächst klingt, sonst wäre er bereits gesprungen, ohne sich bei uns zu melden.
LIEBESKUMMER IST EIN KLASSIKER
Meist haben die Anrufer alltägliche Probleme. Der absolute Klassiker ist: „Mein Freund hat Schluss gemacht.Was soll ich jetzt machen?“ Das sind meistens Anruferinnen zwischen zwölf und 16 Jahren. Auch nach dem zehnten Gespräch dieser Art muss ich sie ernst nehmen. Meist kann ich nicht mehr tun, als der Anruferin zu raten, sie möge den Jungen fragen, ob sie sich nicht noch mal treffen könnten, um zu reden. Schon das ist für die Teenager eine Überwindung, die meisten brauchen diesen Anstubser und sagen dann: „Okay, na gut, dann probiere ich das mal.“
Besonders setzen mir Anrufe zu, die mit häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch zu tun haben. Es passiert immer mal wieder, dass jemand anruft und sagt: „Mein Papa hat mich gestern Abend angefasst.“ Das Wichtigste in solchen Fällen ist es, den Kindern oder den Jugendlichen zu sagen, dass sie mit einer Vertrauensperson im direkten Umfeld sprechen müssen. Ich kann nicht konkret helfen, niemanden rausholen. Wir halten uns auch mit der Polizei sehr zurück. Die Kinder wollen nicht zur Polizei gehen und sagen: „Mein Papa fasst mich an.“ Sie brauchen jemanden, dem sie sich anvertrauen können.
Manchmal rufen ältere Kinder an, die erzählen, dass sie sich ständig um ihre jüngeren Geschwister kümmern und den ganzen Haushalt schmeißen müssen. Ich versuche dann, die Situation zu erfassen und rate ihnen, mit der Mutter zu reden.
HELFEN ZU KÖNNEN, IST SCHÖN
Gerade bei langen Gesprächen sind die Anrufer unheimlich dankbar, auch wenn man keine konkreten Ratschläge geben kann. Wenn jemand sagt „Du machst das gut und hast mir total geholfen“, ist das ein schönes Erfolgserlebnis. Geteiltes Leid ist dann wirklich nur noch halbes Leid.
Wenn ich gemeinnützige soziale Einrichtungen als Ansprechpartner nenne, wollen das viele nicht. Manchmal frage ich, wo die Person wohnt, um in der Nähe was rauszusuchen. Aber ich erfahre nicht, ob die Leute hingehen. Ich kann sie nicht am anderen Ende der Leitung an die Hand nehmen.
Ich rede sehr intuitiv mit den Anrufern, sonst verstellt man sich und das kommt nicht wahrhaftig rüber. Es erweitert den Horizont, zu sehen, was bei den anderen durch meine Reaktionen und Antworten passiert. Sehr interessant für mich war ein langes Gespräch mit einem türkischen Mädchen, das älter war als ich und ganz starken Liebeskummer hatte. Ich habe keine Freunde aus diesem Kulturkreis, ich war in einer Klasse, in der es keine Muslime gab. Es war für mich faszinierend, dass dieses Mädchen eine ganz andere Sicht aufs Leben hat als ich. Ihr Leben ist unheimlich von ihrer Familie bestimmt, die ihr sagt, was sie tun darf und was nicht. Sie empfindet das offenbar nicht als Beschränkung, sondern als normal. Ich aber empfand das als belastend.
Jungs rufen oft dann an, wenn irgendwas beim Sex nicht klappt. Das ist zwiespältig. Weil ich nicht weiß: Sitzen da jetzt fünf Jungs um das Telefon herum und wollen sich totlachen? Oder hat jemand wirklich ein Problem? So oder so versuche ich, das seriös über die Bühne zu bringen. Wir haben neben dem Telefon auch ein Lexikon über Sexualität liegen und können dann sagen: „Pass auf, ich schlag das jetzt mal in dem Buch nach.“
NICHT WITZIG: SCHERZANRUFE
Ich nehme es gewöhnlich niemandem übel, wenn er nur aus Spaß anruft. Es gibt aber auch Anrufe, die überhaupt nicht witzig sind. Einmal hat ein Mädchen angerufen und gesagt: „Meine Freundin liegt tot neben mir und atmet nicht mehr.“ Da habe ich gefragt: „Warum rufst du denn hier an? Du musst einen Krankenwagen rufen!“ Da hat sie gesagt: „Doch, doch, sie atmet nicht mehr. Hach, jetzt ist sie wieder aufgewacht, ich gebe sie Ihnen mal.“ Da habe ich gesagt: „Jetzt ist es zu spät. Ich habe den Krankenwagen schon zu euch geschickt.“ Natürlich stimmte das nicht. Aber das hatte das Mädchen verdient. Diese Antwort hatte ich bei einer Erwachsenenberaterin mal gehört. Das hat mir gut gefallen. Oft würde ich das aber nicht machen. Sonst denken die Jugendlichen, wir könnten sie zurückverfolgen, was ja in Wahrheit gar nicht geht.
Zum Kummertelefon bin ich durch Zufall gekommen. Nach dem Abitur habe ich ein freiwilliges soziales Jahr gemacht, in einem Verein zur Vermittlung gemeinnütziger Arbeit. Als Jugendliche für die „Nummer gegen Kummer“ gesucht wurden, habe ich mich gleich gemeldet. Ich mache das, weil ich anderen Leuten helfen und dazu beitragen möchte, die Gesellschaft zu gestalten. Auf der anderen Seite ist es eine sinnvolle Tätigkeit, die mich erfüllt, auch wenn sie anstrengend ist. Ehrenamtlich arbeiten – das muss man probieren, sonst kann man nicht verstehen, was es für ein gutes Gefühl auslösen kann.
ELTERN SEHEN VIELES FALSCH
Frustriert bin ich nur, wenn ich mir Mühe gebe, verschiedene Lösungsansätze zu finden und der Anrufer schmettert sie alle ab, weil er keine Lust hat, sich anzustrengen. Aber es ist nicht so, dass die Jugendlichen heute null Bock haben. Viele haben eine Motivation, die irgendwo schlummert. Sie wird nicht geweckt, weil sie keine Anreize bekommen. Da überwindet sich vielleicht jemand und findet Spaß an einem ehrenamtlichen Engagement und dann stellen sich die Eltern, Großeltern und Freunde hin und sagen: „Wie? Du kriegst kein Geld dafür?“
Die Eltern sagen gewöhnlich, die Kinder sollen die Schule ordentlich machen, sie sollen ordentlich aussehen, eine ordentliche Ausbildung machen. Damit die Nachbarn nicht schlecht reden und sie stolz sagen können, dass die Tochter jetzt Bankangestellte wird. Ob sie Freunde hat und Hobbys, daran denken die Eltern schon nicht mehr.
Meine Mutter ist zum Glück anders. Ich war immer ein bisschen schüchtern. Ich wollte zum Beispiel in die englische Theatergruppe. Aber ich habe mich nicht getraut, weil da so viele unbekannte Gesichter waren. Meine Mama hat gesagt: „Geh hin und probier’ es aus!“ Also habe ich es gewagt. Je mehr man solche Erfahrungen macht, egal ob Theater oder Kummertelefon, umso mehr wird einem klar, dass es einfach dumm ist, Dinge, die einen interessieren, nicht auszuprobieren.
(Protokoll: Barbara Bollwahn, Foto: Kathrin Harms)


