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ÖSTERREICH INVESTIERT IN GASSPEICHER

DEPOT IM UNTERGRUND

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ERDGAS ENTWICKELT SICH ZUM BEDEUTENDSTEN ENERGIETRÄGER. IN OBERÖSTERREICH IST BILFINGER BERGER INDUSTRIAL SERVICES AM AUSBAU EINES DER GRÖßTEN ERDGASSPEICHER EUROPAS BETEILIGT.

Das vergangene Jahr begann in Europa mit einem hitzigen Streit. Die Ukraine war mit den Gaszahlungen im Verzug, und Russland stellte die Lieferungen an den Nachbarn ein. Die Ukrainer drohten, den Transport des russischen Gases über ihr Territorium zu verbieten und verlangten höhere Transitgebühren. Kurzerhand entnahmen sie Millionen Kubikmeter für Mitteleuropa bestimmtes Gas aus den Pipelines, behauptete jedenfalls die russische Gasfirma Gazprom und drehte den Hahn ab. Zwei Wochen lang stockten die Lieferungen nach Mitteleuropa. Viele Verbraucher fragten sich, ob sie bald mit drei Pullovern übereinander in ihren Wohnungen sitzen würden. In armen Ländern wie Serbien fielen die Heizungen aus.

ÖSTERREICHS GROSSE LAGERSTÄTTEN
Doch in Österreich beruhigte Markus Mitteregger, Vorstandsdirektor für den Bereich Erdgasspeicherung bei der Rohöl-Aufsuchungsgesellschaft (RAG), seine Landsleute: „Wir sind die Vorreiter. Kein anderes Land in Europa verfügt über mehr Speicherkapazitäten.“ Österreich ist in einer doppelt glücklichen Lage, denn es besitzt ausgedehnte Erdgaslagerstätten; sind sie ausgebeutet, lassen sie sich als Speicher für Gas aus Russland nutzen. In Haidach, an der Grenze von Salzburg und Oberösterreich, erschloss die RAG 1997 ein riesiges Lager in 1600 Meter Tiefe. Nach oben von Tongestein abgedichtet, schlummerten in den Poren eines 100 Meter mächtigen Sandsteins auf 17,5 Quadratkilometern insgesamt 4,3 Milliarden Kubikmeter Methan. Die RAG ließ sie anbohren, und das Gas aus der Tiefe strömte willig an die Oberfläche wie die Kohlensäure in einer Flasche Mineralwasser, wenn man den Deckel öffnet. Aber der Vorgang funktioniert auch umgekehrt. Ist aus der Lagerstätte das Erdgas entnommen, kann man mit einigem technischen Aufwand Gas zurück in die Sandsteinporen pressen und riesige Speicher schaffen, wie sie an der Oberfläche nie gebaut werden könnten. Und so geschah es auch in Haidach.

VERDOPPELTE KAPAZITÄT
2007 eröffnete die RAG zusammen mit ihren Partnern WINGAS und Gazprom die erste Stufe des Erdgasspeichers Haidach. 1,2 Milliarden Kubikmeter Gas lassen sich dort seither bunkern und in Zeiten höheren Bedarfs abrufen, etwa im Winter – oder während eines Gasstreits in Osteuropa. Nun folgt die zweite Ausbaustufe, mit der die Kapazität verdoppelt wird, sodass Haidach zum zweitgrößten Erdgasspeicher Mitteleuropas wird. Wie bereits in der ersten Stufe ist BIS VAM Anlagentechnik, ein Unternehmen der Bilfinger Berger Industrial Services, für die Montage der aufwendigen technischen Anlagen zuständig. Große Kompressoren sind nötig, um das russische Gas ins österreichische Gestein zu drücken. Die Rohrleitungen müssen einen Druck bis zu 250 bar aushalten. Bilfinger Berger montiert zwei Verdichterstationen mit je 850 Tonnen Rohrleitungen und 1700 Tonnen anderen Gerätschaften: Filter, Adsorber, Trocknungsanlagen. Im September 2009 begannen die Montagearbeiten, schon im September 2010 sollen sie beendet werden.

ERDGAS WIRD WICHTIGSTER ENERGIETRÄGER
Gleichzeitig arbeitet Bilfinger Berger an einem zweiten großen Projekt der RAG unweit von Haidach, „Seven Fields“. Hier werden sieben kleinere ehemalige Lagerstätten durch Rohrleitungen verbunden und als Speicher benutzt. „Seven Fields“ und Haidach können zusammen den Jahresgasbedarf von 2,2 Millionen Einfamilienhäusern bereitstellen. „Wir haben auf beiden Baustellen jeweils 100 bis 150 Leute“, sagt Peter Lorenz, der zuständige Manager. „Die Kunst ist, unsere Teams untereinander und mit den Leuten der vor- und nachgelagerten Gewerke so zu koordinieren, dass das Projekt in der knappen Zeit fertig wird.“

Bisher entfällt ein Viertel des Primärenergiebedarfs in der EU auf Erdgas, laut Prognosen aus Brüssel wird der Gasbedarf in den kommenden zehn Jahren um 25 Prozent steigen. Die International Energy Agency (IEA) geht davon aus, dass Erdgas im Jahr 2050 der weltweit wichtigste Energieträger wird. Wer jetzt in Speicherplatz investiert, kann sich einen strategischen Vorteil verschaffen, um künftig als Zwischenhändler über die mitteleuropäischen Gasnetze Geld zu verdienen.

Dies gilt vor allem auch durch den Trend zu erneuerbaren Energien. Viele Experten halten Erdgas für die Brücke zwischen fossilem und grünem Energiezeitalter. Im Vergleich zu Kohle oder Öl entsteht bei der Erdgasverbrennung weniger Kohlendioxid. Und Wind- oder Solarkraft funktionieren einstweilen nur im Verbund mit anderen Energieformen, die rasch und zuverlässig zur Verfügung stehen, wenn der Wind nicht weht oder Wolken die Kraft des Sonnenstroms schwächen. „Die Kombination der Erneuerbaren mit Erdgas ist ideal“, meint RAG-Vorstand Mitteregger: „Gaskraftwerke lassen sich bei Bedarf schnell hoch- und herunterfahren und haben einen sehr hohen Wirkungsgrad.“ Kraftwerke mit modernsten Gasturbinen schaffen unglaubliche 90 Prozent. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Wirkungsgrad von Kohlekraftwerken liegt bei nur 30 Prozent, neu gebaute Anlagen erreichen 45 Prozent.

Text: Bernd Hauser
Bilfinger Berger Magazin 1/2010

Wussten Sie schon…
… dass im Untergrund eingelagertes Erdgas Wasser zieht? Erdgas muss sogar getrocknet werden, bevor es ins Leitungsnetz eingespeist wird. Die Feuchtigkeit kann mithilfe von Glycol entzogen oder mit Molekularsieben „adsorbiert“ werden. Auch Tieftemperaturverfahren kommen zum Einsatz. Gastrocknungsanlagen sind übrigens eine Spezialität von BIS E.M.S., einem Unternehmen der Bilfinger Berger Industrial Services. (si)

BIS E.M.S.

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BIS VAM Anlagentechnik

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