Bilfinger Berger Magazin
Navigation

HUBERT VON GOISERN

ALPENROCK AUS ÖSTERREICH

Schrift verkleinern Schrift vergrößern Seite drucken Download PDF

ALS JUNGER REBELL FLOH HUBERT VON GOISERN AUS SEINER OBERÖSTERREICHISCHEN HEIMAT. IN DER FREMDE FAND ER SEINE WURZELN WIEDER – UND VERKNÜPFTE ROCK ‘N’ ROLL MIT JODELN UND ZIEHHARMONIKA. EIN PORTRÄT.

Bad Goisern ist ein Ort mit 8000 Einwohnern, idyllisch am Ende des Goiserer Tals gelegen. Eine Straße führt in das oberösterreichische Städtchen hinein und endet dort. Wer weiter will, muss über das Dachsteinmassiv klettern. Für Jugendliche stellt sich hier irgendwann unweigerlich die Frage: Bleibe ich in der Enge des Tales? Ziehe ich weg? Und welche Identität finde ich dann? Bad Goisern hat zwei berühmte Einwohner hervorgebracht, die zwei gegensätzliche Antworten gegeben haben – beide sind zu Integrationsfiguren zweier Lager und Lebenseinstellungen in Österreich geworden.

Der eine war Jörg Haider, der vor zwei Jahren tödlich verunglückt ist. Als Vorsitzender der rechtspopulistischen „Freiheitlichen Partei Österreichs“ ließ er sich gerne in Lederhosen fotografieren. Er hielt Reden, in denen er „Ausländer, Asylbewerber und Sozialschmarotzer“ in einem Atemzug nannte. Identität durch Abgrenzung, das war die Antwort, die Haider öffentlich vertrat.

Der andere berühmte Sohn der Stadt ist ein ehemaliger Nachbar Jörg Haiders, der zwei Klassen unter ihm in die Dorfschule ging: Hubert von Goisern, ein Rockstar in Österreich. Von Goisern gilt als Erfinder des sogenannten „Alpenrocks“, einer Musik, die Rock ’n’ Roll mit Jodeln, Akkordeon und Geigen verbindet.

Hubert von Goisern, 58, ist für Österreicher so etwas wie Udo Lindenberg für Deutsche. Er singt in einer Sprache, die man versteht und spielt trotzdem Musik, die auch die Jungen mögen. Goiserns „Hiatamadl“ (BRD-Deutsch: „Hirten-Mädchen“) war ein Vierteljahr in den Top Ten und ist heute eine Art inoffizielle Hymne der Republik Österreich. Eine kleine Kostprobe: „Koa Hiatamadl mag i nit / hat koane dickn Wadln nit / I mag a Diandl aus da Stadt / was dicke Wadln hat.“ Hubert von Goisern hat aber auch viele nachdenkliche Songs geschrieben, wie zum Beispiel „Leben“: „Es g’hört uns eh nix und des Nix is umsonst / Drum is’ des ganze Leben a de größte Kunst.“

Die Erfindung des Alpenrocks begann im Musikverein von Bad Goisern, in dem auch Hubert Achleitner, wie er damals noch hieß, als Heranwachsender Trompete spielte. Seine Mitmusiker störten sich allerdings an seinen langen Haaren, mit denen Hubert seine Neigung zur damals aufkommenden Rockmusik demonstrierte. Sie fürchteten, die Leute könnten glauben, „es spiele ein Mädchen in der Kapelle“. Hubert verweigerte sich dem Friseur, nörgelte statt dessen an den fehlenden Rocknummern im Programm, bis er schließlich seine Trompete zurückgeben musste. Es drängte ihn hinaus aus dem Tal. „In die Freiheit, zu Blues und Rock ’n’ Roll.“

Volksmusik erschien ihm als Volkstümelei, „die Identität in der Abgrenzung sucht“, sagt er heute. Erst während seiner langen Reisen entdeckte er ihren Wert neu. So lebte er auf den Philippinen ein halbes Jahr lang bei Nasenflötenspielern. Ihn faszinierte ihre Hingabe und Offenheit gegenüber dem Fremden. „Die hatten kein Problem damit, wenn ich auf meine Art mitsang. Da dachte ich: So muss es bei uns auch mal gewesen sein.“

Hubert Achleitner, der Weggeher, wurde zum Wiederkehrer, zu Hause wollte er jetzt nach den „Wurzeln der musikalischen Tradition graben“. Er lernte Ziehharmonika und Jodeln, verband Volksmusik mit Rock und Blues. Nun nannte er sich auch „von Goisern“. Teils um über Herkunftsdünkel zu spotten, teils doch als Bekenntnis zu seiner wieder gefundenen Heimat. Seine Songs trafen auf eine tief verborgene Sehnsucht von vielen Österreichern, die nach einer Verbindung ihrer Identitäten als Älpler und Weltenbürger suchten. Kritiker stellten Hubert von Goisern ins rechte Eck. Einige seiner Fans kommen tatsächlich von dort. Doch für die meisten hat er österreichische Volksmusik durch seinen Alpenrock wieder akzeptabel und hörbar gemacht.

Gleichzeitig ließ sich Hubert von Goisern auf langen Reisen durch Afrika und Tibet von anderen Kulturen inspirieren. Vor fünf Jahren begleitete er den ägyptischen Sänger Mohamed Mounir. Kurz nach der Tour veröffentlichte er das Album „Trad II“. Doch war auch dort kein Afro-Austro-Mix zu hören, sondern eine Neuinterpretation österreichischer Volkslieder. Zuletzt sorgte er mit Schiffstouren auf Rhein und Donau für Aufmerksamkeit. In Dutzenden von Häfen legte er an, lud lokale Bands an Bord seiner imposanten Bootsbühne und spielte Jam-Sessions mit ihnen. Er hatte die Gäste sorg – fältig ausgesucht, wollte mit Musikern spielen, die ihrerseits auf der Suche nach kulturellen Wurzeln in ihrer Heimat sind. Die Ukrainer rockten mit Polka-Trompete und Sensen-Harfe, die Rumänen mit Geigen und Karpaten-Bläsern. „Wir wollen die kulturelle Partnerschaft der Regionen entlang des 2889 Kilometer langen Flusses nach Osten erweitern“, sagte Hubert von Goisern über sein ehrgeiziges Projekt. „Eine gesteigerte Fähigkeit, diese musikalische Vielfalt zu akzeptieren, wäre eine große Errungenschaft.“

Das erste musikalische Echo Hubert von Goiserns auf diese Reise gen Osten war die CD „S’Nix“. Drauf zu hören sind Rock und Pop, auch mal Jodeln, aber keine Karpaten-Bläser oder Sensen-Harfen, kein Multikulti, sondern Goisern-Sound.

Goisern bleibt Goisern, mit einem Bein verhaftet in seinem Tal, mit dem anderen unterwegs. Doch je weiter er wandert, desto verbun – dener fühlt er sich mit seinem Ursprung.

Text: Tilman Wörtz, Fotos: Rainer Kwiotek
Bilfinger Berger Magazin 1/2010

Hubert von Goisern

Es g’hört uns eh nix und des nix is umsonst — drum is’ des ganze Leben a de größte Kunst.
Hubert von Goisern, „Leben“

Twitter Facebook Delicious Mister Wong Google Bookmarks