AUF EINEM EHEMALIGEN RAFFINERIEGELÄNDE IN KORNEUBURG BEI WIEN VERSICKERTEN HUNDERTTAUSENDE LITER ÖL. BILFINGER BERGER BAUGESELLSCHAFT BEWÄLTIGT EINE DER GRÖßTEN ALTLASTENSANIERUNGEN ÖSTERREICHS.
Einst warfen die Bürger ihren Müll auf die Straße – und litten unter Abertausenden von Ratten. Der Bürgermeister versprach demjenigen 100 Golddukaten, der die Stadt von der Plage befreien würde. Darauf erschien ein Fremder in der Stadt. Als er auf einer Flöte zu spielen begann, kamen die Nager aus ihren Löchern und folgten dem Mann hinunter zum Fluss. Allesamt wurden sie von der Strömung hinfort gespült.
In Deutschland spielt das Märchen vom Rattenfänger in Hameln, in Österreich spielt es in Korneuburg, einer kleinen Stadt an der Donau nördlich von Wien. Dort lassen sich die Folgen der Umweltverschmutzung heute nicht mehr durch Flötentöne beseitigen.
Im Zweiten Weltkrieg bombardierten alliierte Flugzeuge die Anlagen der Raffinerie am Stadtrand. Der Schlendrian während des jahrzehntelangen Betriebs und nach der Stilllegung im Jahre 1961 tat ein Übriges. Insgesamt versickerten Hunderttausende Liter Ölraffinate im Untergrund. Als sich Anwohner der umliegenden Sied lungen zunehmend beschwerten, dass das Wasser ihrer Hausbrunnen ölig schmecke, ließ das Umweltbundesamt die Altlast der sogenannten „Tuttendorfer Breite“ unter suchen: Eine Fläche von 18 Hektar war bis in den Grundwasserbereich in sechs Meter Tiefe kontaminiert mit Kohlenwasserstoffen – den Überbleibseln der Erdölverarbeitung.
FILTER UND BODENBAKTERIEN
Die Bundesaltlastensanierungsgesellschaft (BALSA) suchte mit einer Ausschreibung die Lösung für das mittlerweile drängende Problem, das die Korneuburger zunehmend auf die Barrikaden brachte. Im Jahr 2008 legte die Bilfinger Berger Baugesellschaft, eine österreichische Konzerntochter, ein innovatives Sanierungskonzept vor und erhielt den Zuschlag für das Projekt.
Quer zum Grundwasserstrom errichteten Tiefbauer eine 1200 Meter lange Dichtwand, die bis zu den wasserundurchlässigen Tonschichten reicht. In die unterirdische Wand sind sogenannte „Gates“ eingebaut. Die perforierten Glasfaserrohre mit einem Durchmesser von knapp zwei Metern sind mit Aktivkohlegranulat gefüllt. „Bilfinger Berger hat die Gates entwickelt, wir haben ein Patent darauf“, sagt Spezialtiefbauer Thomas Pirkner. Das abströmende Grundwasser fließt durch die Filter, die Kohlenwasserstoffe bleiben darin hängen. Ist die Aktivkohle gesättigt, wird sie abgesaugt und durch neues Granulat ersetzt. So wird die weitere Kontamination der angrenzenden Flächen verhindert.
Doch auch das verseuchte Raffineriegelände, wo innerhalb der unterirdischen Schutzmauern nach wie vor ein dicker Ölfilm auf dem Grundwasser liegt, sollte saniert werden. Bilfinger Berger setzte zunächst acht Brunnen, in denen nun Ölabscheideanlagen das Altöl absaugen. Die zweite Maßnahme ist ungewöhnlich und in einer solchen Größenordnung bislang einzigartig in Österreich: eine mikrobiologische Sanierung des Bodens. Bei dieser Methode übernehmen natürliche Bodenbakterien die Reinigung. Auf dem Gelände wurden 40 Schächte gegraben. Über diese werden nun genau diejenigen Bodenorganismen gehegt und gepflegt, die das Gift abbauen. „In jedem Boden sind Bakterien, die auf ganz natürliche Weise Kohlenwasserstoffe abbauen“, erklärt Umwelttechniker Rainer Adami, der das Projekt betreut. „Damit die Mikroorganismen allerdings mit so großen Mengen zurechtkommen, führen wir Nährstoffe und Sauerstoff zu.“ Sauggeräte ziehen die Luft am Grund der Schächte ab, im Erdreich kommt es so zu Unterdruck. Zum Ausgleich nimmt der Boden an der Oberfläche Luft auf und versorgt auf diese Weise die Bakterien mit frischem Sauerstoff. In anderen Schächten bringen die Umwelttechniker in Wasser gelösten Kunstdünger ein: Die Nitrate vermehren den Appetit der Bakterien um ein Vielfaches.
DAS ZIEL IST TRINKWASSERQUALITÄT
Zehn Jahre lang werden die Leute von der Bilfinger Berger Baugesellschaft das Gelände überwachen und betreuen. „Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Ziel erreichen“, sagt Michael Zorzi, Geschäftsführer des Auftraggebers BALSA: „Nach Abschluss der Sanierung soll das Grundwasser auf der Tuttendorfer Breite wieder Trinkwasserqualität haben.“
In Wien fest verwurzelt
Die Bilfinger Berger Baugesellschaft mit Sitz in Wien ist insbesondere in Österreich, Ungarn, Rumänien, der Slowakei und Tschechien aktiv. In Wien ist das Unternehmen an mehreren spektakulären Infrastrukturprojekten beteiligt, darunter der Bau des Wienerwaldtunnels und der Umbau des Wiener Westbahnhofs, in den bei laufendem Betrieb zwei Untergeschosse eingezogen wurden. (si)
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Bilfinger Berger Baugesellschaft





