IN DEUTSCHLAND BEGINNT DER FRÜHLING, WENN DIE ITALIENISCHEN EISDIELEN WIEDER AUFMACHEN. WO ABER WAREN DIE GELATIERI IM WINTER? EIN BESUCH IM ZOLDOTAL IN DEN DOLOMITEN, DEM ZUHAUSE DER EISMACHER.
Langsam leert sich das Zoldotal. Es ist Ende Februar, die ersten haben schon Anfang des Monats ihre Koffer und Kisten in die Autos mit den deutschen Kennzeichen gepackt und sind das schmale Sträßchen entlang des reißenden Gebirgsflusses Maè hinuntergefahren nach Longarone, dann auf die Autobahn in Richtung Brenner. Ihr Ziel: zahllose deutsche Städte von Aachen bis Zittau. Die letzten warten bis März, dann sperren auch sie ihre Häuser ab und machen sich auf den Weg nach Norden, um nach der Winterpause überall in Deutschland ihre Eisdielen wieder aufzumachen. Zurück in dem engen Tal in den Dolomiten bleiben die Alten und die Kinder der Eismacher.
ELTERN IN DEUTSCHLAND, KINDER IN ITALIEN
Fausto Bortolot, 68 Jahre alt, hat sich eine Pfeife angezündet und schaut von der Terrasse seines Hauses in Zoppé auf den sonnenbeschienenen Gipfel der Civetta. Über 3200 Meter hoch erhebt sich der Dolomitenausläufer jenseits des Zoldotals. Bortolot muss nicht erklären, warum er dieses Fleckchen Erde so liebt, warum er auch nach 53 Jahren in Cochem an der Mosel kein anderes Zuhause kennt. Im Wohnzimmer seines großen Hauses sitzen fünf Kinder um ein Schachspiel herum. Es sind die Enkelkinder der Bortolots, deren Eltern vor wenigen Tagen wieder abgereist sind – für acht lange Monate. Nur eine der Schwiegertöchter ist noch da, sie fährt erst übermorgen: „Für die Mütter ist die Trennung viel schlimmer als für die Kinder“, sagt sie.
TIEFE WURZELN IM ZOLDOTAL
In der kleinen Dorfschule von Zoppé strecken vier der fünf Schüler die Hände auf die Frage, welche Eltern als Eismacher in Deutschland arbeiten. Sie recken fröhlich die Finger in die Luft und wirken nicht traurig, dass sie in den kommenden Monaten die Stimmen ihrer Mütter und Väter nur am Telefon oder per Skype am Computer hören werden. Sie kennen es nicht anders.
Die Söhne und Töchter der Eismacher durchlaufen in Deutschland meist nur den Kindergarten. Doch mit der Schulzeit beginnt der Ernst des Lebens und die Trennung von den Eltern. „Wir alle haben tiefe Wurzeln in diesem Tal“, sagt Bortolot. „Wir wollen sie an unsere Kinder weitergeben.“ Die Jungen sollen nicht vergessen, woher sie kommen und wohin sie im Alter wieder gehen werden.
Von den etwa 5000 Eisdielen in Deutschland wird gut die Hälfte von den Zoldani betrieben: Lazzarin, Fontanella, Soravia, Zanolli, Panciera und wie sie alle heißen. Es war die nackte Not, die Ende des 19. Jahrhunderts die ersten von ihnen in die Hauptstadt des österreichisch-ungarischen Kaiserreiches trieb. Bis dahin hatten die Bewohner von karger Landwirtschaft gelebt, als Flößer oder Köhler vom Holz der Berge oder hatten in kleinen Erzminen ein wenig Eisen gewonnen. Doch immer wieder machten Gerölllawinen und verheerendes Hochwasser ihre Arbeit zunichte. 1882 riss der Maè fast alle Werkstätten und Mühlen mit sich. So entschlossen sie sich, ihr Glück jenseits der Berge zu suchen.
Aus ihren hölzernen Handwagen verkauften die Zoldani, wie sie sich selbst nennen, erst Kekse, kandierte Birnen oder gebrannte Maronen. Bis einige von ihnen das mobile Speiseeis entdeckten. Gekühlt wurde die Masse aus Milch, Eiern und Zucker in kleinen, von Hand getriebenen Maschinen, in denen Eis mit Salz vermischt eine Minustempe ratur von 17 Grad Celsius erzeugte. Bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein spannen die Zoldani so ihr Netz über Deutschland, Polen und Österreich. Der Zweite Weltkrieg konnte den unaufhaltsamen Aufstieg des „gelato italiano“ nur kurz stoppen. Mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg kam die ganz große Zeit: Die Eisdiele wurde zum Treffpunkt von Jugendlichen und Familien in jeder deutschen Stadt.
EHRET DAS HANDWERK!
Unterhalb von Zoppé in dem kleinen Dorf Bragarezza lädt Dario Olivier die Koffer in seinen silbergrauen Mercedes. Heute geht es zurück nach Witten an der Ruhr. Dorthin, wo schon sein Großvater 1930 einen der ersten Eissalons im Ruhrgebiet eröffnete. Dario Olivier ist der Vizepräsident der „Uniteis“, einem Interessenverband der italienischen Eishersteller in Deutschland. Er weiß, dass viele Familien eine schwierige Zeit durchmachen: „Eis verkaufen ist nicht mehr so attraktiv wie früher, viele Kinder sehen andere Möglichkeiten und wollen nicht mehr in die Fußstapfen ihrer Mütter und Väter treten.“
Doch mehr noch als die freie Entscheidung der Kinder fürchtet Dario Olivier die Konkurrenz der seelenlosen Eisindustrie mit ihren Fertigprodukten und die vielen Quereinsteiger, die ohne Vorkenntnisse und ohne Leidenschaft irgendwo ein Eiscafé eröffnen. „Wenn einer sein Leben lang Schrauben verkauft hat, kann er nicht einfach auf Eis umsteigen“, ist der Zoldani überzeugt. Laut Gesetz allerdings schon, denn die Eisherstellung unterliegt, anders als beispielsweise das Konditorwesen, in Deutschland keinen festen Ausbildungsregeln. Das wollen Dario Olivier und seine Mitstreiter von Uniteis ändern. Seit Kurzem haben sie eine zweijährige Ausbildung zum staatlich anerkannten Eishersteller von der Handwerkskammer Rhein-Main lizenzieren lassen. „Es geht uns darum, die Qualität von handwerklichem Speiseeis zu schützen.“ Es geht um Hygiene, um ehrliche Produkte. Und es geht auch um den Schutz vor unliebsamer Konkurrenz.
BUNTES GEMISCH DEUTSCHER MUNDARTEN
Dario spricht mit einem Ruhrgebietsakzent, so wie man fast jedem in Zoldo anhört, wo er in Deutschland sein Gelato verkauft. „Wie goht’s?“ (Balingen), ruft einer fröhlich aus dem Fiat-Panda. In der Bar „Brustolon“, wo sich die Eis-Rentner täglich zum Kartenspiel treffen, schallt es zum Abschied „kommt jut nach Hause!“ (Düren). Die Sonne geht unter im Zoldotal, ihre letzten Strahlen lassen den Gipfel des Monte Pelmo erröten. Für ein paar Minuten hat der Fels die Farbe von Himbeereis.
Text: Philipp Mausshardt, Fotos: Rainer Kwiotek, Frank Schultze
Bilfinger Berger Magazin 1/2010






