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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 2/2008

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Geld soll nicht verbrennen

BERLIN MACHT ES VOR: MIT ENERGIESPAR-CONTRACTING KÖNNEN KOMMUNEN DAS KLIMA UND GLEICHZEITIG IHRE FINANZEN SCHONEN.

Auf dem Hof der Ernst-Reuter-Oberschule in Berlin- Mitte steht Jörg Bräuer, der Energiebeauftragte des Bezirks, und er sieht,was Energiebeauftragte höchst ungern sehen: Risse an den Fassaden; Fenster mit Einfach-Verglasung, aus den Rahmen bröckelt die Fugenmasse. Bräuer rollt die Augen, „eine Katastrophe, die müssten dringend saniert werden“. Keine Frage, ihre bauliche Substanz qualifiziert die Gebäude, die teilweise Anfang der 1950er Jahre errichtet wurden, als Energieschleudern. Und dennoch verbuchte die Ernst-Reuter-Oberschule 2006 fast 56 Prozent weniger Heizkosten als im Vorjahr und erwartet eine um 37 Prozent geringere Stromrechnung. Die Auflösung dieses scheinbaren Widerspruchs ist im Schulkeller zu finden. Dort stehen zwei neue Heizkessel mit einer Leistung von zusammen 900 Kilowatt, daneben noch zwei der vier alten Kessel, die die Schule früher beheizten; sie sind fast doppelt so groß wie ihre neuen Nachbarn und kamen zu viert auf 4,4 Megawatt, mehr als das Vierfache der modernen Kessel. Das eine alte Trumm wird gar nicht mehr genutzt, das andere würde nur hochgefahren, wenn die Temperaturen mal unter – 14 Grad Celsius sänken. Finanziert und installiert hat die modernen Kessel mit den hohen Wirkungsgraden Wolfferts, ein Unternehmen der Bilfinger Berger Facility Services. In insgesamt 73 Liegenschaften des Bezirks, vor allem in Schulen und Turnhallen, hat der Gebäudetechnik- Dienstleister 35 alte Heizkessel gegen neue ausgetauscht, hat Lüftungs- und Steuerungsanlagen modernisiert, 15 000 Thermostatventile und Tausende von Energiesparlampen installiert. Für den Bezirk hatWolfferts damit nicht nur 5,5 Millionen Euro in neue Energiespartechnik investiert, die Firma garantiert ihrem Auftraggeber außerdem bis 2018 eine Energiekostenersparnis in allen 73 Liegenschaften von jährlich 1,14 Millionen Euro – das entspricht einer Reduzierung um 29,9 Prozent – und drückt so den CO2-Ausstoß um 8000 Tonnen oder 36 Prozent pro Jahr.

QUADRATUR DES KREISES
Für Städte und Gemeinden hat das Contracting-Modell viele Vorteile: Anstelle der öffentlichen Hand investieren Energiedienstleister in Gebäude und teilen sich die Kostenersparnis mit dem Auftraggeber – zum Vorteil von Ressourcen und Klima. Für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ist es die gelungene Quadratur des Kreises: „Öffentliche Gebäude werden saniert, ohne dass das Land investieren muss. Gleichzeitig sparen wir noch Energiekosten und betreiben Klimaschutz.“ Tatsächlich hat Berlin den Ruf, europaweit Vorreiter zu sein: Seit 1995 wurden 22 solcher Energiesparpartnerschaften mit privaten Dienstleistern wie Wolfferts geschlossen. Weit über 40 Millionen Euro haben diese in Schulen, Krankenhäuser,Gerichts- oder Operngebäude investiert. Der „Pool 18“ mit seinen 73 Liegenschaften besteht aus 150 einzelnen Gebäuden. Damit betreut Wolfferts einen der größten Contracting-Pools in Deutschland. Die Win-win-Situation für Auftraggeber, Auftragnehmer und Umwelt ist umso erstaunlicher, als sie aus der Not geboren wurde – der Not der öffentlichen Kassen. Denn Energiespar-Contracting ist für Kommunen oft die einzige Option, überhaupt noch in die Modernisierung ihrer Gebäude zu investieren. „Wir hätten die 5,5 Millionen Euro, die Wolfferts in die Hand genommen hat, sicher nicht aus dem Haushalt bekommen“, bestätigt der Energiebeauftragte Jörg Bräuer. „Und selbst wenn das Geld da gewesen wäre, hätten uns die Fachingenieure gefehlt, diese Summe in so kurzer Zeit zu verplanen und zu verbauen.“
Zwar spielt das Bewusstsein der Gebäudenutzer fürs Energiesparen eine wichtige Rolle, und noch viel zu oft hört Jörg Bräuer von offen stehenden Fenstern und Türen, von Schülern, die nach dem Sportunterricht kleine Ewigkeiten unter der Dusche stehen und von leeren, aber beheizten Turnhallen. Doch der Einsatz moderner Technik deckt derlei Verschwendung schnell auf oder macht sie gleich unmöglich. Denn anders als früher sind die Schulen nun per Standleitung mit einer zentralen Leitwarte verbunden, von der aus alle neuen Heizkessel überwacht und in ihrer Leistung moduliert werden können. Vorbei die Zeiten, in denen der Schulhausmeister „mit der Hand am Arm“ die Heizung steuerte. In der Leitzentrale werden auch rasch Diskrepanzen zwischen erwartetem und tatsächlichem Energieverbrauch offenbar, entsprechend schnell können die Wolfferts-Monteure bei technischen Problemen ausrücken und Abhilfe schaffen. Präsenzmelder löschen automatisch das Licht, wenn sie in einem Raum keine Bewegungen registrieren, und die neuen Thermostatventile sind jetzt so eingestellt, dass die Heizanweisung des Senats auch eingehalten wird. „Früher konnte jeder dran drehen und ein Klassenzimmer auf 25 Grad hochjagen“, weiß Jörg Bräuer, „heute machen die Ventile bei 20 Grad dicht.“ Bräuer steht jetzt in der Turnhalle der Anna-Lindh- Grundschule, neben ihm Wolfferts-Manager Gerd Lehmann. Die beiden Ingenieure betrachten gesprungene Fenster, sprechen über die Heizkörper aus dem Jahr 1957, hinter denen man eigentlich Reflexionsschirme anbringen müsste, damit die Wärme in die Halle und nicht aufs fünfzig Jahre alte Mauerwerk stahlt. Auch die Anna-Lindh- Schule hat dank der von Wolfferts installierten Technik im aktuellen Jahresvergleich 57 Prozent weniger für Heizwärme und 17 Prozent weniger für Strom ausgeben müssen und liegt damit weit über jenen 29,9 Prozent, die Wolfferts dem Bezirk im Schnitt aller Gebäude garantiert. Und doch sieht man den beiden Ingenieuren das Herz bluten, weil sie wissen, wie viel möglich wäre, wenn man auch in die Gebäudesubstanz investierte.„Mit den neuen Kesseln haben wir der Schule sozusagen ein neues Herz eingepflanzt, aber die Venen bleiben die alten – die Rohre sind zu groß, wir transportieren und erwärmen immer noch zu viel Wasser“, sagt Lehmann, während Bräuer bestätigend nickt. Nicht zu reden von den Fenstern, der Fassadendämmung, dem Dach. Genau das könnte bald Gegenstand einer neuen Generation von Contracting-Modellen sein. „Energiespar- Partnerschaft Plus“ nennt sie Udo Schlopsnies, Ingenieur bei der Berliner Energieagentur, die sich auf Contracting spezialisiert hat und für ihre Auftraggeber Gebäudepools ausschreibt und fachlich betreut. „Wir haben Projekte nahezu ausschreibungsreif, bei denen nicht nur in neue Heiztechnik, sondern auch in die bauliche Sanierung investiert werden soll. Solche Gebäude kommen dann mit noch kleineren Kesseln und Pumpen aus.“

WER SANIERT, DER PROFITIERT
Der Privatinvestor müsste allerdings wesentlich größere Summen in die Hand nehmen, die sich auch nicht mehr allein aus den Energieeinsparungen refinanzieren würden, jedenfalls nicht während der üblichen Contracting-Laufzeiten von zwölf bis 15 Jahren. Eine weitere Hürde: „Der Auftraggeber müsste eine Art Baukostenzuschuss gewähren, und das ist bei der aktuellen Kassenlage schwierig“, meint Udo Schlopsnies. Dennoch sei er guter Hoffnung für das neue Contracting-Modell: „Je stärker die Energiepreise steigen, umso stärker der Effekt jeder eingesparten Kilowattstunde.Wer saniert, profitiert.“

Text: Stefan Scheytt, Fotos: Frank Schultze
Bilfinger Berger Magazin 2/2008