Bilfinger Berger Logo

Bilfinger BergerJahrhundertbauwerk am Nil

Jahrhundertbauwerk am Nil

Imhoteps Erben

IMHOTEP, DER BAUMEISTER DES PHARAOS, HATTE DIE IDEE ZUR ERSTEN PYRAMIDE. HEUTE ERRICHTET BILFINGER BERGER AM NIL EIN BAUWERK VON ÄHNLICHEN DIMENSIONEN: FÜR DEN STAUDAMM VON NAGA HAMMADI WURDEN 400000 KUBIKMETER BETON VERBAUT. ER WIRD WASSER UND STROM BRINGEN.

Das Experiment endete in einem Desaster. Unter der Last der Lehmziegel brach die acht Meter hohe Mauer in sich zusammen. Der neue Baustoff – eine Verbindung aus Lehm, Stroh und Textilstreifen – war offenbar doch nicht das Richtige. Baumeister Imhotep war enttäuscht. Damit ließ sich kein 60 Meter hohes Bauwerk für die Ewigkeit errichten. Imhotep entwarf einen neuen Plan: Ein Bauwerk aus Felsquadern. Es war die Geburtsstunde der Steinbauweise, erstmals angewandt vor 4600 Jahren bei der Pyramide von Sakkara. Imhotep war ein äußerst ideenreicher Mann. Er verbesserte das Bewässerungssystem am Nil derart, dass die Bauern auch bei niedrigem Pegelstand ihre Felder bestellen konnten. Sein Schaffen brachte ihm unsterblichen Ruhm: Die alten Ägypter verehrten Imhotep schließlich als Gott.
So wie die heutigen Besucher voller Staunen vor den Pyramiden stehen, würde Baumeister Imhotep wohl der Atem stocken beim Anblick dessen, was seine Nachfolger in Naga Hammadi vollbringen: Bilfinger Berger erstellt mit einem französischen und einem ägyptischen Partnerunternehmen ein imposantes Stauwehr. 340 Meter ist es lang und 300 Millionen Euro teuer. Es besteht aus einem Wehr mit sieben Toren, jeweils 160 Tonnen schwer, zwei Schiffsschleusen und einem Kraftwerk mit 64 Megawatt Leistung – genug, um 200000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Mit 17 Metern Breite und einer Länge von über 160 Metern bieten die Schleusen selbst den größten Touristenschiffen Platz, die zwischen den Tempeln von Abydos und Luxor pendeln sollen. Für den Bau musste der Nil in ein künstliches Bett umgeleitet werden. Sechseinhalb Millionen Kubikmeter Erde wurden für den Kanal ausgehoben. Zum Vergleich: Fünf Millionen Kubikmeter Steine sind in den Cheopspyramiden verbaut. Mit den 400000 Kubikmetern Beton, die in die Wehranlage flossen, könnte man den Kölner Dom ausfüllen.

Allein das Baumaterial zur richtigen Zeit an diesen entlegenen Ort zu transportieren, der rund 700 Kilometer südlich von Kairo liegt, ist eine logistische Leistung. Der Zement stammt aus Suez, der Sand aus Luxor, der Stahl aus Alexandria. Gerade werden schwere Bohlen aus amerikanischen Pinien an den Schleuseneinfahrten angebracht. Eine zierliche junge Frau überwacht die Arbeiten. Bauingenieurin Nathalie Néron war für die ägyptischen Arbeiter möglicherweise die größte Sensation. Eine Frau als Chef? „Es hat ein bisschen gedauert, bis sie sich an mich gewöhnt hatten“, sagt die 25-Jährige selbstbewusst,„doch dann lief es in meiner Truppe umso besser. Ich musste nur drohen, selbst anzupacken, da rannten gleich drei Arbeiter herbei, um sich die Schmach zu ersparen.“ Néron kam geradewegs von der Pariser „École Supérieure des Travaux Publics“ in die Wüste und ist stolz auf ihren Job: „Ein so wichtiges Bauwerk mitzugestalten, das hätte ich mir vor wenigen Jahren noch nicht einmal im Traum vorgestellt.“
Das Bauwerk ist für die Zukunft Ägyptens lebenswichtig. Im Prinzip haben sich die Probleme des Landes seit Imhotep nicht verändert: Ohne Bewässerung wächst kein Grashalm. Das fruchtbare Niltal und das Delta machen nur vier Prozent der Landesfläche aus, doch hier leben 97 Prozent der knapp 80 Millionen Ägypter. Die Bevölkerung wächst um eine Million Menschen pro Jahr. Die bisherigen Staustufen zwischen dem Assuan-Hochdamm und Kairo würden nicht ausreichen, den Wasserbedarf in den kommenden 20 Jahren zu decken. Die Ingenieure im Ministerium für Wasserwirtschaft begannen zu rechnen:Wenn man das alte Stauwehr bei Naga Hammadi, das von den Engländern im Jahre 1930 errichtet worden war, nur um einen Meter erhöhen könnte,würde das Hinterland besser bewässert: 3150 Quadratkilometer neue Ackerflächen würden entstehen. Doch das Wehr aus einhundert Ziegelbögen war nach einem Dreivierteljahrhundert altersschwach. Deshalb entschied sich die ägyptische Regierung, dreieinhalb Kilometer flussabwärts eine neue Staustufe zu bauen.

KREDITE AUS EUROPA
Als kurze Zeit später die ersten Vermessungsingenieure bei Hammadi auftauchten, schlug ihnen zunächst der Zorn der Landbewohner entgegen. Nur mit Polizeischutz trauten sich die Geometer in das Gebiet, dessen Bewohner schon von alters her den Ruf wehrhafter Trotzköpfe genießen. Warum sollten sie ihre fruchtbaren Zuckerrohr-Plantagen aufgeben und teilweise sogar ihre Häuser verlassen, um für ein Stauwehr Platz zu schaffen? Erst als bekannt wurde, dass die ägyptische Regierung großzügige Entschädigungen für die Landenteignung zahlen würde, ließen sich die Bauern gewinnen. Das Stauwehr trägt langfristig zur Existenzsicherung der Bevölkerung bei, die ihr Einkommen überwiegend aus der Landwirtschaft bezieht. Außerdem wird das Wasserkraftwerk umweltfreundlichen Strom liefern. Flankierende Umweltschutzmaßnahmen, etwa die Renaturierung der beim Bau zerstörten Flächen, sichern den entwicklungspolitischen Erfolg des Großprojekts ab, das von der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der Europäischen Investitionsbank (EIB) gefördert wird.

BETONARBEITEN BEI 50 GRAD CELSIUS
Die Umleitung des Nils, der bei Hammadi im Jahresschnitt 45 Milliarden Kubikmeter Wasser in seinem Bett bewegt,war die Vorbedingung zum Bau des Wehrs. Der 1,3 Kilometer lange Umleitungskanal sollte am Westufer entstehen, weil der lehmige Untergrund dort mehr Stabilität versprach als das sandige Ostufer. Im Juni 2002 rückten die Bagger an, und 350 Lastwagen fuhren Tag und Nacht den Aushub auf Halden. Der 15 Meter tiefe Kanal musste auch bei Hochwasser,wenn bis zu eintausend Kubikmeter Wasser pro Sekunde den Nil hinabfließen, vor Erosion bewahrt werden: Ägyptische Arbeiter nähten ein aus Deutschland geliefertes Vlies aus synthetischen Fasern zu langen Bahnen zusammen und legten es im Kanalbett aus. Erst nach und nach wurde dem Nil Zugang zum Kanal gewährt. Dann verschloss man den alten Flusslauf mit einem Damm, der den Nil zwang, sich komplett aus seinem alten Bett zu bequemen und sich im Kanal um die Baustelle herum führen zu lassen. Doch damit fing die Herausforderung erst an. In den vergangenen zehn Jahren hat es in Hammadi ein einziges Mal geregnet. Für etwa eine viertel Stunde. Die Kinder liefen aus den Häusern, jubelten vor Vergnügen über das Wunder. Dann kam die Sonne zurück. Bis über 50 Grad Celcius betragen die Außentemperaturen in den Sommermonaten.

Wer da auch nur einen Eimer Zement verarbeiten will, muss sich beeilen. Schnell trocknet die Masse aus, Risse machen den Beton brüchig und wertlos. Für die zwei Meter dicke Bodenplatte des Stauwehrs muss die Qualität des Betons aber zu 100 Prozent stimmen. Deshalb stellte man Eismaschinen neben die Mischanlage und gab dem Beton bis zu 120 Tonnen Eisbrocken am Tag zu. Betontechniker überprüften ständig die richtige Temperatur,Konsistenz und Zusammensetzung ihrer Rezepturen. Ob Bodenplatte, Kraftwerksgebäude oder Schleusenwand, jede Funktion benötigt eine spezielle Mischung aus Zement,Wasser und Zuschlagsstoffen. Insbesondere dieses technische Know-how hat Bilfinger Berger in das Joint Venture eingebracht und seine Spezialisten in Betontechnologie geschickt. Die Arbeiten von Bilfinger Berger sind fast abgeschlossen. Jetzt werden Schleusentore und Wehre eingebaut, im Kraftwerk die vier Turbinen montiert, die Baustelle langsam geflutet. Im Mai 2008 soll die Einweihung sein. Minister werden kommen, die internationalen Geldgeber werden Vertreter nach Hammadi schicken und viele der 3000 am Bau Beteiligten werden zurückkehren, um mitzufeiern. Ein Mitarbeiter von Bilfinger Berger hat das Firmenlogo in Beton gegossen und auf einer der Stützwände am Einlauf des Kraftwerks angebracht – einige Meter unter der Wasseroberfläche, versteht sich. Denn wer wollte Imhotep im Land seiner Väter den Rang streitig machen.

(Text: Philipp Mausshardt, Photos: Barbara Breyer)