IM OKTOBER 2007 WURDE DER BILFINGER BERGER AWARD VERGEBEN. DIE SIEGERBEITRÄGE BESCHÄFTIGEN SICH MIT RICHTUNGWEISENDEN LÖSUNGEN FÜR URBANE PROBLEME. IM RAHMEN EINES INTERNATIONALEN SYMPOSIUMS WURDEN SIE IN BERLIN DISKUTIERT
In den stillen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr 2006 saß Cordelia Polinna, 32, in ihrer Wohnung in Berlin und langweilte sich ein bisschen. In vier Wochen sollte Antonia, ihr erstes Kind, zur Welt kommen. Freunde außerhalb von Berlin besuchen wollte sie nicht mehr im achten Monat. Da kam die E-Mail ihres Doktorvaters gerade recht. Der Professor machte sie auf einen Wettbewerb von Bilfinger Berger aufmerksam: Was kann Deutschland von guten Initiativen irgendwo in der Welt lernen? Reichen Sie eine Studie ein! Erster Preis: 40 000 Euro. Also setzte sich Cordelia Polinna, Stadtforscherin an der Technischen Universität zu Berlin, an den Schreibtisch: Als sie in London für ihre Doktorarbeit zu neuen Ansätzen in der Stadtplanung recherchiert hatte, waren ihr die „Idea Stores“ aufgefallen: Bibliotheken, die mit einer modernen Architektur und einem breiten Dienstleistungsangebot arme und benachteiligte Stadtteile belebten wie Infusionen ermattete Patienten. „Das wäre auch was für Berlin!“, dachte sie damals. Kurz vor Silvester setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb auf, wie das Konzept der „Idea Stores“ funktioniert.
BEITRÄGE AUS 29 LÄNDERN
Cordelia Polinna war nicht die einzige, die ihren Aufsatz zum Bilfinger Berger Award einreichte.Weltweit beteiligten sich fünf Dutzend Planer,Wissenschaftler und andere Experten. Sie schrieben über die Umwidmung einer Brauerei in Brooklyn in ein attraktives Wohngebiet, über Transparenz in der Verwaltung von Singapur, über umweltfreundliche Verkehrskonzepte in der Region Campania in Süditalien, über Solaranlagen in Lärmschutzwänden in Australien, über Partnerschaften von Privatwirtschaft und öffentlicher Hand beim Brückenbau in Kanada …, insgesamt wurden 58 Studien eingereicht, die über Initiativen und Problemlösungen in 29 Ländern berichteten.
„Je mehr wir lasen, desto klarer wurde uns: Der Award lohnt sich!“, sagte Jury-Vorsitzender Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister und ehemaliger Direktor der UN-Umweltbehörde UNEP in Nairobi, als Bilfinger Berger die Gewinner-Studien im Rahmen eines Symposiums im Oktober 2007 in Berlin vorstellte. Im Mittelpunkt der Veranstaltung „Mobilität, Kreativität, Partnerschaft. Impulse für die Stadt der Zukunft“ stand die Frage, ob sich im Ausland bewährte Lösungen auf Deutschland übertragen lassen. Experten aus Politik,Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten zu den Themen Stadtentwicklung, Mobilität und zu Alliancing – einer Vertragskultur, die auf Kooperation statt auf Konfrontation von Auftraggebern und Auftragnehmern setzt. Der Rechtsanwalt Andrew Chew hatte in seiner zum Award eingereichten Studie beschrieben,warum Alliancing in Australien die Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Hand und Unternehmern verbessert und damit den zweiten Platz belegt (siehe Seite 18/19).
Auf den dritten Platz wählte die unabhängige Jury einen Aufsatz der Oxforder Forscherin Georgina Santos über die Stadtmaut in London (siehe Reportage Seite 12 ff.). Die Maut in London könnte für zahlreiche Städte in Deutschland Modell sein.„Wir müssen umdenken. Der Klimawandel ist Realität. Und fünfzig Prozent weniger Kohlendioxid in den Städten sind möglich!“, sagte Klaus Töpfer. Den ersten Platz aber belegte die Studie der jungen Stadforscherin Polinna (siehe Seite 12). „Die modernen und einladenden Bibliotheken in London zeigen, wie wichtig psychologisch durchdachtes Bauen ist“, erklärte die Fernsehjournalistin und Buchautorin Gabriele Krone-Schmalz, die ebenfalls der Jury angehörte.
THESEN FÜR DIE ZUKUNFT
Dass neben einer funktionierenden Wirtschaft andere Faktoren für Städte immer wichtiger werden, ist eine zentrale Erkenntnis des Awards. Das Prognos- Institut leitete aus den Beiträgen fünf Thesen für die Zukunft der Städte ab:
„SOFT SKILLS“
Klassische Standortfaktoren wie niedrige Steuersätze und günstige Immobilien reichen nicht mehr aus, um Menschen und Unternehmen anzulocken. Der Wettbewerb von Städten und Regionen wird entschieden durch Zugang zu Wissen, Innovationsfähigkeit, kulturelle Attraktivität – kurz: durch das kreative Potenzial einer Stadt.
UMWELTFREUNDLICHE MOBILITÄTSKONZEPTE
Abnehmende Verkehrsgeschwindigkeit, Mangel an Parkplätzen und Umweltbelastung sind die Folgen des steigenden Motorisierungsgrads. Die Bürger suchen echte Alternativen zum Auto.
PARTIZIPATION
Um im Wettbewerb der Standorte bestehen zu können, brauchen Städte das Engagement ihrer Bevölkerung. Bürgerbeteiligung ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass Kommunen ihre Herausforderungen meistern können.
ALLIANZEN
Public Private Partnerships (PPP) weisen den Weg zu einer neuen Kultur der Zusammenarbeit zwischen Staat und Unternehmen, von der beide Seiten profitieren. Allianzverträge gehen noch weiter: Sie zielen nicht vor allem auf die juristische Absicherung der eigenen Interessen ab, sondern bieten Anreize, durch das Teilen von Risiken einen gemeinsamen Erfolg anzustreben.
MODERNISIERTE VERWALTUNG
Die Verwaltung arbeitet zu stark regel- und zu wenig ergebnisorientiert. Die öffentliche Hand muss sich als effizientes Dienstleistungsunternehmen begreifen und Bürger als Kunden sehen. Administrative Prozesse müssen beschleunigt und vereinfacht werden.
Stadtforscherin Polinna hofft, dass auch die Berliner Stadtverwaltung von diesen Thesen lernt. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter ist sie mit ihrem Freund aus dem Studentenviertel Prenzlauer Berg nach Neukölln gezogen. Dort ist sie aufgewachsen und die Wohnungen sind erheblich billiger.
Ihre Entscheidung stieß auf Unverständnis. „Wie könnt ihr mit einem Kind nach Neukölln ziehen?“, fragten Freunde. Neukölln ist mit Tower Hamlets in London vergleichbar: ethnisch gemischt, hohe Arbeitslosigkeit, die öffentlichen Plätze heruntergekommen, viele Jugendliche perspektivlos. „Wenn ein Viertel schäbig aussieht, lädt das zu Vandalismus ein“, sagt Polinna. „Ästhetische und qualitativ gute Bauten, die nicht nach ein paar Jahren sanierungsbedürftig sind, zeigen der Bevölkerung dagegen: Wir sind etwas wert! Eine gute Architektur sorgt für Selbstbewusstsein, das beste Mittel gegen Vandalismus.“ Das lehren auch die „Idea Stores“ in London, die es in Berlin nicht gibt. Noch nicht.
Die Best-Practice-Modelle der drei Preisträger des Bilfinger Berger Awards stellt das Bilfinger Berger Magazin auf den Seiten 12 bis 19 vor. Eine Auswahl der insgesamt 58 Einreichungen ist als Buch erschienen:
Klaus Töpfer/Herbert Bodner (Hrsg.): Ideenimport – Experten aus aller Welt geben Impulse.
Stuttgart 2007. 24,95 Euro.
(Text: Bernd Hauser, Fotos: Paul Hahn, Illustration: Steven Dohn)

