Die Felsen fallen lotrecht ab, als führten sie geradewegs zur Hölle, doch man kann bequem hinuntergehen, vom Parkplatz sind es 321 Stufen. Von unten zeigt sich die Schlucht, die von Chur hinauf zum Splügenpass führt, nicht weniger Angst einflößend. Das fast schwarze Gestein scheint wieder zueinanderzudrängen, als hätte die Gewalt des Wassers die Felsen nur auf Zeit geteilt. Einleuchtend also, dass dieser Weg durch die vom Hinterrhein gegrabene Schlucht „Via Mala“ heißt, schlechter Weg. Schon die Römer sollen den Alpenübergang gekannt haben, seit im Jahre 395 der Feldherr Stilicho mit einem Heer die Schlucht durchquert hatte. Urkundlich erwähnt wird sie 1219, und schon damals war der Weg, der schmal und abenteuerlich am Felshang entlang schlich, mit Karren befahrbar.
„Nackte, glänzende, viele hundert Meter senkrecht emporragende Felsmauern“, auf deren Grund man sich verzweifelt wie ein Gefangener in einer eiskalten Zisterne fühle, so schildert John Knittel 1934 in seinem gleichnamigen Roman die Via Mala. In der Geschichte um den Sägemüller Lauretz, einen Trunkenbold und Wüstling, der seine Familie drangsaliert, bis sie ihn eines Nachts gemeinsam ermordet, finden seelische Abgründe ihr Ebenbild in der Natur. „Seine Maßlosigkeit war verblüffend“, schreibt Knittel über den Bösewicht. „Das Gespenst, der Schrecken der Via Mala hatte sich seiner bemächtigt.“
Eine derart düstere Schlucht birgt viele dunkle Geschichten. Aus dem Jahr 1705 wird folgende Moritat erzählt: Ein Pfarrer hatte „ein junges starkes Bauernmensch geschwängert“. Mit dem Versprechen, sie zu heiraten, verabredete er sich in der Nacht mit ihr bei der „Steinbruk“. „Allda pakt der durchteufelte Mörder das arme schwangere Mensch und ersticht sie und schmeisst sie über die Bruk hinunder durch die Felskähle in den Abyssum des wüsten Tobels.“
(Text: Barbara Schäfer, Foto: Frank Schultze)

