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Bilfinger BergerLeben auf der Hallig

Leben auf der Hallig

Wind, Watt und Wellen

AUF DER HALLIG NORDSTRANDISCHMOOR, EINER WINZIGEN INSEL VOR DER NORDFRIESISCHEN KÜSTE, SIND DIE MENSCHEN OFT TAGELANG VON DER AUSSENWELT ABGESCHNITTEN. TROTZDEM IST FÜR SIE EIN LEBEN AUF DEM FESTLAND UNDENKBAR.

Ruth Hartwig-Kruse wirft den Dieselmotor der Lore an. Sohn Hendrik löst die Bremse und die Sitzbank auf Rädern setzt sich in Bewegung. Sie erklimmt den Deich, den Hänger mit dem Großeinkauf im Schlepptau. „Jetzt ist Saison für Land unter, dann sind wir auch mal mehrere Wochen von der Außenwelt abgeschnitten“, sagt Ruth. Mit der Lore wird alles transportiert, von Getränken über das neue Sofa bis hin zu Feriengästen. Auf einem schmalen Steindamm geht es eine Viertelstunde lang mitten durchs Wattenmeer. Bei Flut liegen die Schienen unter Wasser. Fünf Häuser auf vier Hügeln heben sich vom Horizont ab: Nordstrandischmoor, eine der zehn deutschen Halligen in Nordfriesland. Das Watt geht über in Salzwiesen, die von Gräben durchzogen sind. Ruth steuert die Lore zur Neuwarft.Warften heißen die künstlichen Erdhügel, auf denen die Häuser der Halligbewohner stehen. Hier sind die Loren sicher vor den Fluten der rauen See. An der Haltestelle wartet Ruths Ehemann Hans-Hermann mit dem Trecker. Er bringt die Familie zu ihrer Warft im Westen der Hallig. Dort leben Ruth und Hans-Hermann mit den Kindern Ann-Kathrin, 9, Hendrik, 7, und Erik, 6, sowie Ruths Mutter Frieda.

Früher wohnten auf der Hallig über 120 Menschen, heute sind es noch 18. Es gibt keinen Arzt, keinen Supermarkt, nicht mal einen Kiosk. Die einzige Gaststätte hat nur im Sommer geöffnet. Die Tageszeitung kommt im Winter nur dreimal die Woche, bei „Land unter“ gar nicht. Rund 40 Mal im Jahr deckt das Meer die Hallig zu. Einzig die vier Warften ragen dann aus dem tobenden Wasser hervor. Als Geburtsstunde der Halligen gilt die „Grote Mandränke“, eine Sturmflut im Jahre 1362. Sie verheerte die reiche Küstenstadt Rungholt und sieben weitere Gemeinden, riss 7 600 Menschen in den Tod und große Teile des Bodens mit sich fort. Zurück blieben die ersten Halligen. Im Jahre 1634 suchte die zweite „Grote Mandränke“ die alte Insel Strand heim: 6000 Menschen starben, die hufeisenförmige Insel wurde weggespült, nur einige kleine Gebiete blieben stehen – zum Beispiel ein hoher mooriger Heiderücken, „Lüttmoor“ genannt. Nach der Katastrophe begannen einige Überlebende sich hier anzusiedeln. Aus Lüttmoor, dem kleinen Moor, wurde die Hallig Nordstrandischmoor. Ruths Familie lebt hier seit dem 17. Jahrhundert.

EINE SCHULE MIT ZWEI SCHÜLERN
„Bei Land unter heißt es: Tiere in den Stall bringen, Fenster mit stabilen Luken verrammeln. Und warten, bis das Wasser wieder abfließt“, erzählt Ruth. Die Schule auf der Nachbarwarft ist dann nicht erreichbar. Frei haben die Kinder trotzdem nicht. Lehrer Erik Lorenzen gibt ihnen telefonisch oder per E-Mail Aufgaben durch.
Es ist noch dunkel, als sich Ann-Kathrin und Hendrik am nächsten Morgen auf den Weg machen. „Se to, wi sünd laat an“, ruft Ann-Kathrin, was so viel heißt wie „Komm endlich“. Mit ihren Fahrrädern strampeln sie gegen den schneidenden, salzigen Wind an. Um sie herum: nichts als die grüne, feuchte Ebene. Kein Baum, kein Strauch. Nur Schafe.
Im Schulhaus stehen die morastigen Schuhe der Geschwister einsam im Flur. Es herrscht eine merkwürdige Stille. Keine Freundin stürmt auf Ann-Kathrin zu, als sie das kleine Klassenzimmer betritt. Nur Lehrer Lorenzen begrüßt sie. Ann-Kathrin ist die dritte Klasse. Hendrik – die zweite – sitzt ihr schräg gegenüber. Lorenzen setzt sich in einen Lehnstuhl. Hendrik steht neben ihm, Ann-Kathrin kniet auf einem Ledersessel und schaut ihrem Lehrer über die Schulter. Lorenzen schlägt ein Buch auf, rückt seine Brille zurecht und trägt mit tiefer Stimme ein Gedicht des Helgoländers James Krüss vor. Der Lehrer trägt Vollbart und hat buschige Augenbrauen. Märchenonkel Lorenzen. Die Schule ist sein Zuhause. Der Turnunterricht findet auf blauen Matten in seinem Wohnzimmer statt. Aber jetzt hat Hendrik Mathe. Lorenzen gibt ihm eine Aufgabe und rollt mit seinem Bürostuhl von der zweiten in die dritte Klasse, um mit Ann-Kathrin, die Deutschstunde hat, die Silbentrennung durchzugehen. „Die Einzelbetreuung ist ein großer Vorteil unserer Schule, bei Defiziten passe ich den Lehrplan an“, sagt Lorenzen augenzwinkernd. Hendrik blickt verträumt aus dem Fenster. Lorenzen sieht es sofort und setzt einen Überraschungs- Mathetest an. „Ich hab noch was vergessen“, ruft Hendrik, als Lorenzen den Zettel an sich nehmen will: „Mein Name steht nicht drauf.“ Lorenzen lacht.
Die Schule auf Nordstrandischmoor ist Grund- und Hauptschule, das Gymnasium liegt auf dem Festland. „Entweder müssen die Kinder mit zehn Jahren weg von den Eltern auf ein teures Internat oder die Familien ziehen aufs Festland. Aber gerade für den Küstenschutz und den Tourismus brauchen wir junge Familien hier“, erklärt Lorenzen. Deshalb unterstützt das Land Schleswig- Holstein die Halligschulen trotz der hohen Kosten. Im Klassenzimmer wird auch der Gottesdienst gehalten, wenn der Pastor von Nordstrand ab und zu auf die Hallig kommt. Früher gab es eine Kirche, doch der „Blanke Hans“, wie die stürmische Nordsee genannt wird, hat sie viermal zerstört.

STEINWÄLLE GEGEN DIE FLUT
Inzwischen hat sich Familienvater Hans- Hermann für die Arbeit umgezogen: Blaumann, Weste und Gummistiefel. Wie alle männlichen Halligbewohner, außer Lehrer Lorenzen, ist er im Küstenschutz angestellt. Vor elf Jahren lernte er seine Ruth kennen, die auf der Hallig aufgewachsen war. Große Überlegungen, wer zu wem zieht, gab es nicht: „Auf dem Festland wäre es nicht gut gegangen, meine Frau kann man nicht verpflanzen. Also musste ich umschulen.“ Er arbeitete als Verkäufer in einem Baumarkt „Wegen der Gezeiten konnte ich morgens nicht mehr pünktlich im Laden stehen.“ Hans-Hermann und die anderen Männer kümmern sich heute um einen „Igel“. Einen Steinwall, der die Hallig davor schützen soll, vom Meer abgetragen zu werden. „Das ist eine typische Winterarbeit, im Sommer sind wir viel mit den Booten draußen, um an den Lahnungen zu arbeiten“, erklärt Vorarbeiter Gerd-Walter Siefert. Eine Lahnung besteht aus zwei Pfahlreihen, zwischen die Bündel aus Stroh, Ästen und Reisig gestopft werden. Wenn das Meer bei Ebbe abfließt, bleibt Schlick zurück – irgendwann wird so aus dem Meer Land.
Über vier Millionen Euro investiert Schleswig- Holstein pro Jahr in den Halligschutz. Viel Geld für die kleinen Inseln, denen angesichts des Klimawandels und des steigenden Meeresspiegels eine schwierige Zukunft droht. Aber die Halligen sind wichtig: Sie dienen als Wellenbrecher. Ohne sie wären die Sturmflutschäden auf dem Festland gravierender. Außerdem sind sie ein Symbol der Kulturlandschaft. Hans-Hermann sagt über seine Knochenarbeit in Wind und Wetter: „Ist doch wunderbar – wir verdienen Geld und schützen gleichzeitig unseren Lebensraum.“
Ein Moped nähert sich der Warft. Die Post. August Glienke fährt immer mit der Lore aufs Festland, um Briefe und Pakete zu holen. Ein Postamt gibt es nicht auf der Hallig, nur ein gelber Briefkasten hängt am Zaun. Aufschrift: „Leerung tideabhängig“. Glienke hat noch zwei weitere Jobs: Für den Küstenschutz vertreibt er Maulwürfe von den Deichen, und im Sommer ist er Wirt des „Halligkrogs“, der einzigen Gaststätte auf Nordstrandischmoor. Insgesamt kommen im Jahr 25000 Tagesgäste auf die Hallig, bei Ebbe die Wattwanderer, bei Hochwasser die Touristen mit dem Schiff. Im Juli und August beschäftigt Glienke sogar zwei Aushilfen, um die Massen mit Fischspezialitäten, selbstgebackenem Kuchen und landestypischen Getränken zu versorgen: Hauptsache in „Pharisäer“ und „Tote Tante“ ist ordentlich Rum. Im Herbst und Winter genießt er die Ruhe und öffnet nur nach Anmeldung. Lehrer Lorenzen faszinieren im Winter besonders die Stürme: „Dann spüre ich die elementare Wucht der Natur. Das Existenzielle.“ Einen seiner Vorgänger kostete die Kraft der Elemente das Leben. Im Jahre 1907 trat August Thode zu spät den Rückweg vom Festland an. Er geriet vom richtigen Weg ab und seine Frau musste mit dem Fernglas mit ansehen, wie er von einem Priel, einem Wasserlauf im Watt, mitgerissen wurde.

BALLETT FÄLLT OFT INS WASSER
Viele Menschen könnten in dieser „vermeintlichen Einöde“ nicht leben, weil man hier auf sich selbst zurückgeworfen werde, glaubt Junggeselle Lorenzen. „Es ist wichtig, die äußere Angebotsarmut durch inneren Reichtum zu ersetzen, sonst leidet man wie ein Hund.“ Seine Schüler jedoch brauchen andere Impulse. Als Hans-Hermann nach Hause kommt, sind Ruth und die Kinder schon weg. Aufs Festland. Dort holt Ruth das Auto aus ihrer Garage. Ruth gibt mächtig Gas, um Ann- Kathrin und Hendrik pünktlich bei den Pfadfindern abzusetzen. Doch im Winter müssen die Kinder oft Abstriche machen. Ann-Kathrin verzieht das Gesicht: „Ich konnte von November bis Mitte Januar nie zum Ballett, weil ausgerechnet dienstags immer Land unter war.“ Doch Mutter Ruth schwärmt genau von dieser Unberechenbarkeit: „Hier gibt die Natur den Terminkalender vor. Wir leben die Jahreszeiten ganz bewusst.“

DIE STURMFLUT IM WOHNZIMMER
Ruths Mutter Frieda, 79, hat ihr ganzes Leben auf der Hallig verbracht. Bis in die 1970er- Jahre ohne Strom, elektrisches Licht und Wasserleitung. Und immer wieder starken Sturmfluten. „Am grausigsten war die Flut von 1936. Die Wellen haben Teile der Warft weggerissen, die Haustür eingeschlagen. Unsere Tiere standen im Wasser, sie wurden krank und verendeten.“ Ein Schock für die Familie, die damals komplett von den Einnahmen aus der Viehhaltung lebte. Vierzig Jahre später riss eine ähnlich starke Flut die Tapeten von den Wänden.„Wasser und Schlick haben alles ruiniert. Da dachte ich: Jetzt gehe ich!“, erzählt Oma Frieda. Doch dann blieb sie doch.Wenn die Medien eine schwere Sturmflut vorhersagen, bleibt sie auf. Wie beim Orkantief Kyrill im Januar 2007. Doch irgendwann hatte Frieda keine Lust mehr zu warten. „Ich geh jetzt schlafen“, sagte sie zu ihrer Tochter, „weckt mich, wenn es nass wird.“ Es gab dann nur ein „harmloses Land unter“. Also nichts Besonderes auf den kleinen Hügeln im weiten Meer.

(Christian Schnohr / Text /// Lukas Coch / Fotos)