NAHE SCHANGHAI ENTSTEHT LINGANG NEW CITY – EINE KOMPLETTE GROSSSTADT FÜR 800 000 MENSCHEN. GEPLANT HAT SIE DER HAMBURGER ARCHITEKT MEINHARD VON GERKAN, 72
Lingang New City soll einmal größer werden als Frankfurt. Wie sieht es dort momentan aus?
Straßen und Kanäle sind angelegt, ebenso Kanalisation, Wasser- und Stromleitungen. Sogar an die zwei Millionen Bäume sind gepflanzt. Das ist eine Tugend in China. Bei uns gibt’s auf einer Baustelle nur Staub und Beton. In China fühlen sie sich dagegen wie in einem Park.
Wie bekommt man so einen riesigen Auftrag?
Wir waren 1999 dabei, als die Chinesen 45 Architekten aus aller Welt eingeladen hatten, sich das Areal anzuschauen und an dem Wettbewerb teilzunehmen. Damals lag die Hälfte des Gebietes noch unter Wasser. Viele Quadratkilometer Land wurden aufgeschüttet und zum Meer hin ein acht Meter hoher Damm angelegt.
Und dann schlossen Sie sich zum Brainstorming tagelang ein?
Nein. Die entscheidende Idee hatte ich, als ich im Urlaub an der Ostsee war: In die Stadtmitte gehört ein See! Es war zunächst die einzige Idee, die ich zu diesem Projekt hatte. Ich habe sie gleich auf ein Stück Papier gezeichnet.
… und danach in den Computer übertragen …
Ich kann nicht mit Computern umgehen. Deshalb hab ich auch den Masterplan mit Bleistift und Buntstiften auf Papier skizziert. Dieser allererste Entwurf wurde es dann auch, mit dem wir 2003 den Zuschlag bekamen.
Sie konnten Ihren Entwurf quasi in einen leeren Raum stellen. Empfanden Sie das als Handicap oder als Vorteil?
In der Landschaft gab’s nichts. Keinen einzigen Baum, nur Marschland mitWasserläufen, topfeben. Als Architekt hat man in so einem Fall alle Freiheiten. Aber auch alle Verantwortung. Was man plant, muss Sinn machen.
Welchen Sinn hat denn ein See mit zweieinhalb Kilometern Durchmesser in der Stadtmitte?
Wer kaufmännisch und politisch denkt, schimpft uns Spinner. Wir geben Milliarden aus, um eine Stadt zu bauen,und nehmen erstmal die beste Fläche in der Mitte weg. Aber der See gibt der Stadt eine unverwechselbare Identität.
Reicht ein solch formaler Aspekt für ein Konzept?
Nein, der eigentliche Grund hat mit meinem Verständnis von Architektur zu tun, die die Bedürfnisse des Menschen erfüllen muss. Schauen Sie sich unsere Städte an: Die Mitte ist besetzt von Banken,Versicherungen und Gebäuden, die am Wochenende geschlossen sind.Wenn die Innenstadt zu einem „closed shop“ verkommt und während der Woche vom Verkehr verstopft wird, entsteht kein urbanes Leben.
Der See in der City dient also auch als Verkehrsberuhigung?
Genau. Und weiter draußen reduziert und verteilt sich der Verkehr unglaublich. Die offene Mitte bietet auch neun Kilometer erstklassige Adressen an der Wasserfront. Eine Symbiose von Wohnen, Arbeiten und Freizeit.
Hätten Sie diesen Effekt nicht auch mit einem Park erreicht?
Bei einem Park hätte ich die Sorge, dass sie ihn später doch zubauen. Außerdem habe ich eine Affinität zum Wasser. Wir erleben es doch hier in Hamburg mit der Außen- und Binnenalster, mit der Elbe und dem Hafen. Das hat Qualität!
Wie wird Ihre Stadt schließlich aussehen?
Wie eine Uhr. Im Zentrum liegt der See. Von dort gehen zwölf Straßen strahlenförmig zur Peripherie und kreuzen fünf Ringstraßen. Die sind so exakt kreisrund, dass man das Lenkrad während der Fahrt festschrauben könnte und nicht von der Straße abkommen würde.
Klingt das nicht alles ein bisschen schematisch?
Klar. Aber ich sehe keine Veranlassung, eine Straße schief und krumm zu machen, wenn da kein Hindernis ist.
Wie ist die Stadt aufgeteilt?
Die Stadt besteht aus Quartieren, 840 mal 840 Meter groß, jeweils für rund 20 000 Einwohner. Das erste Quartier mit der besten Lage ist das sogenannte Hamburg-Quartier. Ende nächsten Jahres wird es fertig. Das geht alles wahnsinnig schnell.
Und wann ist die ganze Stadt fertig?
Nie. Sie wird wohl immer wachsen. Nicht zuletzt, weil dort der größte Hafen der Welt entsteht, und zwar im offenen Meer. Er gründet auf ein paar Felsinseln da draußen, bietet also bessere Bedingungen als der Hafen von Schanghai in der Jangtse-Mündung,wo die Wassertiefe nicht für große Schiffe reicht. In unserer Stadt werden alle logistischen Einrichtungen für den neuen Hafen angesiedelt. Zudem entsteht außerhalb ein Industrieareal mit einer Art Silicon Valley, das wir auch planen.
Bei so einem großen Projekt gibt es sicherlich auch Hindernisse?
Der Aberglaube ist ein sehr großes Hindernis! Die Menschen hier bestehen darauf, dass ihre Wohnung in Nordsüdrichtung liegt. Es ist keine Vorschrift, aber eine Wohnung ohne Südfenster gilt als minderwertig. So ist es in den Köpfen verankert. Das bedeutet aber, dass jedes Stadtviertel gewöhnlich nur aus eintönig ausgerichteten Häuserzeilen besteht. Wir versuchen, diese alten Vorbehalte aufzubrechen.
Wer bezahlt das Ganze eigentlich?
Eine Gesellschaft, die von der Stadt Schanghai und der chinesischen Regierung gegründet wurde. Jetzt geht es um die Refinanzierung. Dafür werden die Baurechte an Investoren vergeben. Es gibt kein Eigentum, sondern nur ein Nutzungsrecht, in Deutschland nennt man das Erbpacht.
Sie haben Flughäfen, Museen, Bahnhöfe realisiert, nun sogar eine Stadt. Und jetzt?
Schön ist, dass jede Aufgabe neue Möglichkeiten offenbart zu experimentieren, die Wagnisgrenze hinauszuschieben. Das finde ich auch in kleinen Projekten.
Zum Beispiel?
Mit dem Aussichtsturm für Vogelliebhaber in meinem Ferienort Heiligenhafen habe ich mir genauso viel Mühe gegeben. Das war übrigens gar nicht so einfach: Bei einem Flughafenbau zum Beispiel bekommtman viele Vorgaben. Bei dem Turm nicht, da bin ich für alles verantwortlich.
Was ist Ihnen eingefallen?
Die 15 Meter hohe Konstruktion aus Holz sieht aus wie eine Skulptur – eines riesigen sitzenden Vogels.
(Interview: Uschi Entenmann, Foto: Yvonne Berardi)

