DUISBURG KREMPELT SEIN IMAGE UM: DAFÜR HAT ES SEINEN PHILHARMONIKERN IM CITY PALAIS EINEN KONZERTSAAL EINGERICHTET, DESSEN AKUSTIK DIE MUSIKER BEGEISTERT
Auffällig viele Menschen mit Instrumentenkoffern laufen früh morgens durch die Duisburger Fußgängerzone. Es sind die Musiker der Philharmonie, die sich um zehn Uhr zu ihrer Generalprobe im Konzertsaal treffen. Dirigent und Generalmusikdirektor Jonathan Darlington betritt als Letzter die Bühne und schlägt mit seinem Taktstock auf das Edelstahlgeländer. Die 1750 Stühle hinter seinem Rücken sind leer, bis auf einen: Intendant Alfred Wendel will sich selbst ein Bild, vielmehr ein Ohr von dem machen,was am andern Tag die Zuhörer begeistern soll: Maurice Ravels „Alborada del Gracioso“ – zu Deutsch: Morgenlied des Narren – und Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5.
Um die fehlende dämpfende Wirkung durch das Publikum auszugleichen, hat Darlington für die Probe die Deckenelemente über der Bühne tief herunterfahren lassen. An den Seitenwänden, die keilförmig zur Bühne führen, sorgen Lamellen dafür, dass sich die Klangwellen brechen. Sogar die Sitzbezüge haben Bauakustiker ausgewählt: Kunstleder, denn es dämpft die Schallwellen weniger als Stoffbezüge. Der argentinischen Pianistin Martha Argerich, die als sehr anspruchsvoll gilt, entfuhr ein „atemberaubend“, als sie die Akustik der Halle erlebte.
Im April 2007 spielten die Duisburger Philharmoniker zum ersten Mal in der neuen Mercatorhalle, ihrer Spielstätte im Zentrum der Stadt. Nach rund zweijähriger Bauzeit war in unmittelbarer Nähe zum neoklassizistischen Theater und dem mächtigen Landgerichtsgebäude das City- Palais entstanden, mit Büros, Restaurants, Geschäften und einem Spielkasino. Das Herz des CityPalais aber ist die Mercatorhalle, ein Konzert- und Kongresszentrum, das für viele die Aufbruchstimmung in der Stadt verkörpert.
Die Anfang der 1960er Jahre erbaute alte Mercatorhalle war zuletzt ein einsturzgefährdeter grauer Kasten, Sinnbild des Niedergangs. Für die Stadt Duisburg wäre der Verkauf von Halle und Grundstück an einen privaten Investor wohl das Naheliegende gewesen. Stattdessen bat die Stadt den renommierten Architekten Chapman Taylor um Vorschläge, wie man dem Zentrum von Duisburg ein neues Gesicht verleihen könnte. Mit Unterstützung der nordrhein- westfälischen Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) realisierte die Stadt für rund 150 Millionen Euro das City- Palais. Den Bauauftrag erhielt Bilfinger Berger zusammen mit einem Duisburger Partner.
DUISBURG WILL SICH BEHAUPTEN
Die Mercatorhalle mit ihrer hervorragenden Akustik und den vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten soll Duisburg helfen, sich gegen die mächtige Konkurrenz der aufstrebenden Nachbarstädte zu behaupten. Essen, Bochum und Düsseldorf sind nur wenige Kilometer entfernt. Klassische Standortfaktoren wie niedrige Steuersätze und günstige Immobilienpreise reichen nicht aus, um Menschen und Unternehmen anzulocken.
Um zu punkten, setzt Duisburg auf ein Image als Kultur- und Kongressstadt. Dass solche weichen Faktoren an Bedeutung gewinnen, bestätigen vergleichbare Tendenzen etwa in London oder New York. „Die Zukunft der Stadt liegt in den soft skills“, heißt es auch in dem zum Bilfinger Berger Award erschienenen Buch: Der Kreativwirtschaft komme bei der Stadtentwicklung eine zentrale Rolle zu. In England hat man dafür bereits einen Namen gefunden: „Culture-led Regeneration“ – Kultur als Motor der innerstädtischen Revitalisierung.
VOLLE POWER!
„Beautiful, sehr schön“, ruft Dirigent Darlington seinen 93 Musikern zu und bittet sie: „Das Staccato noch etwas leiser beginnen and then with full power.“ Jonathan Darlington spricht eine unbekümmerte Mischung aus Deutsch und Englisch, er ist ein Weltreisender, nein, ein Weltrasender in Sachen Musik. Neben seinem Job in Duisburg ist er Chefdirigent der Oper von Vancouver, leitet Konzerte des „Orchestre National de France“ in Paris und der Rundfunk- Symphoniker in Prag. „Schon bei den ersten Proben war ich von der Akustik überwältigt,“ sagt Darlington. „Das hat meine kühnsten Hoffnungen übertroffen. Man kann heute zwar vieles planen, aber am Ende ist man vor Überraschungen nicht sicher. Hier waren sie nur positiv.“
Mit der Verwandlung des Innenhafens unter Beteiligung von Bilfinger Berger in ein modernes Wohn- und Büroquartier und dem Umbau der stillgelegten Hüttenwerke in einen riesigen Landschaftspark hatte die Stadt Duisburg in den vergangenen Jahren bereits auf sich aufmerksam gemacht. Die mit mehr als einer halben Million Einwohnern elftgrößte deutsche Stadt wollte nicht länger als das Aschenputtel des Ruhrgebietes gelten. Zwar ist die Arbeitslosigkeit mit rund 14 Prozent immer noch hoch, aber die Stimmung beginnt sich zu drehen: Inzwischen gilt es als „in“ aus Duisburg zu kommen. Die Kneipen am Innenhafen sind im Sommer brechend voll, und die Kennzeichen der geparkten Autos verraten, dass viele sogar aus dem schicken Düsseldorf herüberkommen, um hier den Feierabend zu genießen.
MEHR ÜBERNACHTUNGEN
Auch die Hotelbetreiber fühlen den belebenden Pulsschlag der Stadt. Sie verbuchten nach der Eröffnung des City- Palais mit seiner multifunktionalen Mercatorhalle und dem Kasino eine deutliche Zunahme an Übernachtungsgästen. Sandra Gagliardi, Managerin der Mercatorhalle, glaubt, der Wandel Duisburgs sei zwar „ein langfristiger Prozess, der nicht von heute auf morgen abläuft“. Den Schub durch die neue Halle spüre man aber bereits deutlich. Dass sich Firmen wie SAP oder Verbände wie die deutsche Tierarzt-Vereinigung auf einmal in Duisburg zu Tagungen versammelten, sei neu und zeige, dass sich die Stadt als Kongressstadt etablieren werde.
Die Orchesterklänge noch im Kopf tritt man aus der Halle. Nur widerwillig stellen sich die Ohren auf den Lärm der Straße ein. Gegenüber wird gebohrt und gehämmert, Baukräne laden Armierstahl ab. Ein Schild informiert:„Hier entsteht das Forum Duisburg“, ein Shopping-Center mit einer Verkaufsfläche von rund 50 000 Quadratmetern, auch hier baut Bilfinger Berger. Die nächste Großbaustelle: Die Duisburger meinen es offensichtlich ernst mit der Umgestaltung ihrer Stadt.
(Text: Philipp Mausshardt, Fotos: Frank Schultze)

