STÄDTE UND GEMEINDEN IN AUSTRALIEN SETZEN AUF ALLIANZVERTRÄGE, UM KOMPLIZIERTE BAUAUFGABEN ZU LÖSEN. DAS VERTRAGSKONZEPT WURDE IM RAHMEN DES BILFINGER BERGER AWARDS AUSGEZEICHNET
Ein erfolgreiches Bauprojekt und eine gute Ehe haben einiges gemeinsam: Beide basieren auf Vertrauen zwischen den Partnern und der Bereitschaft, Probleme miteinander statt mit der Hilfe von Anwälten zu lösen. Freud, Leid und Risiken werden geteilt. Im besten Fall sind es Partnerschaften, von denen beide Seiten profitieren. Solche Beziehungen will das australische Vertragsmodell des „Alliancing“ stiften. In Deutschland sind Allianzverträge noch relativ unbekannt, doch in Australien machen Auftraggeber und Auftragnehmer seit den 1990er Jahren gute Erfahrungen damit, insbesondere bei großen öffentlichen Projekten.
Mittlerweile werden viele der umfangreichen Straßenbau- und Infrastrukturprojekte in solchen Kooperationen verwirklicht. Auch eines der drängendsten Probleme, die Wassernot, gehen Vertreter von Städten und Gemeinden in Allianzen an. Seit fünf Jahren leidet Australien unter einer nie gekannten Dürre. In vielen Städten ist das Trinkwasser rationiert, Autowaschen ist verboten. „80 Prozent der australischen Städte sind dauerhaften Einschränkungen in der Wasserversorgung ausgesetzt“, sagt John Kirkwood, der die Aktivitäten von Bilfinger Berger in Queensland betreut. Abhilfe können nur massive Investitionen in die Infrastruktur schaffen, oft mit Hilfe von Allianzen.
Ein großes Allianzprojekt wird derzeit im Bundesstaat Queensland realisiert. Dort ist Bilfinger Berger an der „Southern Region Water Pipeline Alliance“ (SRWPA) beteiligt. Die rund 100 Kilometer lange Wasserleitung verbindet Quellen zwischen Ipswich, Brisbane und der touristischen Gold Coast und stellt die Wasserversorgung von fünf Gemeinden sicher. Im Oktober 2006 wurde mit dem Bau begonnen, im Dezember 2008 soll das Projekt abgeschlossen sein. Bilfinger Berger verlegt nicht nur Rohre, sondern plant und baut drei Wasserreservoirs, fünf Pumpstationen, vier Flussüberquerungen und neun große Tunnel.
KOOPERATION IST BESSER ALS KONFRONTATION
Bilfinger Berger Australia ist an einem guten Dutzend Allianzprojekten mit einem Gesamtwert von über 3,2 Milliarden australischen Dollar (etwa 2 Milliarden Euro) beteiligt. „Rund ein Drittel unserer Leistung erbringen wir mittlerweile im Rahmen von Allianzen“, sagt Darrell Hendry, CFO von Bilfinger Berger Australia. Die Kooperation zwischen den Partnern erfolgt im Rahmen von gemeinsamen Projektgesellschaften. Die Beteiligten verpflichten sich, Unstimmigkeiten unter sich und nicht vor Gericht aus der Welt zu räumen. Es herrscht Streitverbot und Rechtsmittelverzicht. Genau deshalb sei das Allianzmodell so erfolgreich, sagt Andrew Lonsdale, Jurist bei Bilfinger Berger Australia:„Das Bedürfnis nach konfliktfreiem Bauen ist auf allen Seiten sehr groß.“ Auch John Kirkwood ist überzeugt, dass sich Allianzen weiter durchsetzen werden.„In den letzten 20 Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Auftraggeber und Unternehmen verschoben: von dem zwischen Chef und Untergebenem zu einer Partnerschaft“, sagt er. Den Projekten ist dies zuträglich: Nachforderungen gibt es bei Allianzen nur selten.
RADIKALES UMDENKEN
In Deutschland ist man von solchen Kooperationen noch weit entfernt. Zwar arbeiten auch hier Auftraggeber und Auftragnehmer oft eng zusammen, etwa im Rahmen von Public Private Partnerships. Doch gerade PPPs sind durch strikte vertragliche Regulierungen gekennzeichnet. Sie sollen Risiken minimieren, behindern im Endeffekt aber eine vertrauensvolle Kooperation, meinen Baurechtsexperten. Im Gegensatz dazu setzen Allianzverträge auf weiche Faktoren: Vertrauen,Teamwork, Flexibilität. „Die Atmosphäre ist offen, positiv und kreativ. Dadurch entwickeln Allianzen ein erstaunliches Potenzial“, sagt Bob Vickers, der bei Bilfinger Berger Australia seit Jahren Allianzprojekte managt. „Alliancing ist eine Win-Win-Strategie, die sich besonders für komplizierte Infrastrukturvorhaben rechnet“, so Andrew Chew, der Allianzen im Rahmen des Bilfinger Berger Awards beleuchtete. Statt im Vorfeld eines Projekts vorrangig einen Preis festzulegen und Risiken hin- und herzuschieben, definieren Auftraggeber und Auftragnehmer gemeinsame Zielmarken, die mit Bonuszahlungen belohnt werden. Dazu gehören die Einhaltung von Baukosten ebenso wie etwa das positive Image bei Anwohnern oder die besonders umweltfreundliche Umsetzung eines Projekts.„Allianzverträge erfordern ein radikales Umdenken, doch die Partner gewinnen Flexibilität, um ihr Projekt gemeinsam zum Erfolg zu führen und das eigentliche Ziel zu erreichen: Die beste Lösung, nicht die billigste“, so Andrew Chew.
(Text: Petra Krimphove, Foto: John Gollings)

