ZWEI DER DREI GEWINNER DES BILFINGER BERGER AWARDS BESCHREIBEN PROJEKTE AUS LONDON. KEIN WUNDER: LONDON WIRD SCHON ALS HAUPTSTADT DES 21. JAHRHUNDERTS BEZEICHNET ODER SCHLICHT ALS „DIE ZUKUNFT“
Die Verkäufer an den Marktständen in der Whitechapel Road sprechen englisch oder polnisch, chinesisch oder arabisch, Hindi oder Urdu. Hier, im östlichen Bezirk Tower Hamlets, leben Christen, Muslime, Buddhisten, Hindus, Atheisten. Menschen mit weißer oder schwarzer Hautfarbe, mit Sommersprossen oder Rastazöpfen. Sie kommen aus Demokratien und Diktaturen, aus Ländern mit Rechtsverkehr und aus Ländern mit Linksverkehr. Samosa, Falafel, Humus und auch Fish&Chips werden verkauft, Saris und Kopftücher, Bibeln und Bollywood-DVDs. „London ist die Zukunft“, sagte Bürgermeister Ken Livingstone im Jahr 2005, nachdem die Stadt über den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 gejubelt hatte:„Hier ist die ganze Welt an einem Ort.“
Von den mehr als 7,5 Millionen Einwohnern der Stadt wurden nur rund 70 Prozent in Großbritannien geboren. „Die Menschen stimmen mit den Füßen ab“, formuliert eine Studie der London School of Economics: für London. Von den Hunderttausenden Menschen, die bis 2016 zuziehen werden, soll die Mehrheit aus dem Ausland kommen. „London will die Hauptstadt des 21. Jahrhunderts sein“, schrieb das „Handelsblatt“ kürzlich,„so wie New York die des 20. Jahrhunderts war. In einem Europa, das sich von der Globalisierung am liebsten abschotten würde, ist es die einzige Metropole, die wächst.“ Es ist daher kaum ein Zufall, dass beim ersten Bilfinger Berger Award zwei der drei Gewinnerprojekte in London angesiedelt sind: Die „Idea Stores“, ein neues Bibliothekskonzept im Vorort Tower Hamlets, und die „Congestion Charge“, die Stadtmaut.
FANTASTISCHES CHAOS
„London ist sehr durchmischt, die Bevölkerung ist nicht besonders stark nach Herkunft oder Einkommen getrennt“, sagt Richard Burdett. Der 51-Jährige ist Architekt und Stadtplaner an der London School of Economics. Im Jahr 2006 hat er als Kurator der Architektur-Biennale in Venedig die Metropolen dieser Welt verglichen. „Man kann eine Stadt so gestalten, dass sie die Unterschiede zwischen den Menschen verstärkt oder verringert. Bei der Stadtplanung kommen Architektur und Demokratie zusammen“, sagt Burdett. Er schiebt eine Grafik mit mehreren Stadtplänen über den Tisch. In verschiedenen Farben hat er darauf den sozialen Status der einzelnen Viertel markiert. Der Plan von London ist bunt gefleckt wie ein Flickenteppich. Burdett zeigt darauf und schwärmt: „London ist ein fantastisches Chaos.“ Das bunte Gewirr der Menschen in der Whitechapel Road spiegelt sich in der Glaswand der neuen Bibliothek, die sich schräg über die Straße lehnt. Bei Regen stellen sich die Passanten hier unter. Die Glasfassade des „Idea Store“ wird unterbrochen durch blaue und grüne Streifen, die aussehen wie der Strichcode an einer Chipstüte oder Coladose. Doch drinnen werden gehaltvollere Produkte und Dienste angeboten: Bücher, Computer- und Internetzugang, Kurse für Spanisch,Thailändische Küche,Yoga für Kinder oder Bewerbungsschreiben. Der „Idea Store“ ist eine Mischung aus Bibliothek, Volkshochschule, Berufsbildungszentrum, Videothek, Internetcafé, Kinderkrippe. Ein Laden für Ideen, ein Ort der Bildung.
NEUES SELBSTBEWUSSTSEIN
Die Berliner Stadtforscherin Cordelia Polinna, 32, stieß vor zwei Jahren während der Recherche zu ihrer Doktorarbeit auf den „Idea Store Whitechapel“, der kurz vor seiner Eröffnung stand – als dritte von insgesamt sieben solchen Einrichtungen im Stadtteil Tower Hamlets:„Diese moderne Architektur in einem ziemlich armen Viertel hat mich fasziniert.“ Die Mischung aus Volksbildung und gutem Design erhöht die Lebensqualität des ganzen Stadtteils. Das neue Selbstbewusstsein der Bewohner könne eine ganze Spirale an positiven Entwicklungen auslösen, so Polinna: mehr Bildung, einen stärkeren Zusammenhalt, letztlich auch wirtschaftlichen Aufschwung. Irgendwann könne das Londoner East End, traditionell das Wohngebiet von Arbeitern und Immigranten, so auch für die Mittelschichten interessant werden.
Für die Entwicklung der Städte sei es wichtig, dass die Bürger nicht mehr unbedingt ein Haus in den Vorstädten favorisierten, auch wenn sie es sich leisten könnten, betont Stadtplaner Richard Burdett.: „Die Suburbanisierung ist eine Katastrophe für die Umwelt und den sozialen Zusammenhalt. Dadurch entstehen Ghettos – und kein lebendiges Stadtgefüge.“
An einer „urbanen Renaissance“ für London arbeitet Bürgermeister Ken Livingstone seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000. Er gründete eine Agentur für Klimawandel und eine Agentur für die Entwicklung Londons. Im Jahr 2004 verabschiedete die Stadtregierung einen räumlichen Entwicklungsplan. Das Wachstum Londons wurde darin auf den derzeitigen „footprint“ begrenzt, die Stadt soll sich nicht weiter ausdehnen. Das geht nur,wenn auch bislang benachteiligte Stadtteile wie Tower Hamlets als Wohngebiete akzeptiert werden. Und wenn sich die Leute innerhalb der Stadt wohlfühlen: London soll zur ersten „nachhaltigen Weltstadt“ werden, erklärte der Bürgermeister.
UMSTEIGEN LEICHT GEMACHT
14 Stundenkilometer war Ende der 1990er Jahre die durchschnittliche Geschwindigkeit in der Innenstadt. London zog die Notbremse und brachte mit der Erhebung von acht Pfund Maut (etwa elfeinhalb Euro) viele Autofahrer zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel: Gleich im ersten Jahr sank die Anzahl der Autos im Londoner Zentrum um 33 Prozent; die Zahl der Radfahrer stieg dagegen um 19, die der Busse um 23 Prozent. Rund 50 Millionen Pfund (72 Millionen Euro) bringt die Maut jedes Jahr, 80 Prozent der Nettoeinnahmen gehen in den Ausbau des Bussystems: Es werden größere Busse eingesetzt, sie fahren in kürzeren Intervallen, auf mehr Routen, und dazu auch noch schneller: Schließlich ist die Verkehrsbelastung um etwa 20 Prozent gesunken – eine Erfolgsgeschichte, die Georgina Santos von der Universität Oxford für den Bilfinger Berger Award beschrieb.
Schon plant „Transport for London“, der Betreiber von Maut, U-Bahn, Bussen und Radwegen, die nächsten Schritte: Im Februar 2007 wurde die Mautzone nach Westen ausgedehnt, in den nächsten Jahren sollen die Gebühren für besonders umweltschädliche Autos auf 25 Pfund (36 Euro) steigen. Besonders überraschend: Nach Umfragen sind selbst von den zahlenden Autofahrern mittlerweile gut die Hälfte für die Maut.
Ein Teil des Erfolgs liegt darin begründet, dass die Bevölkerung mitreden und mitgestalten durfte – die Partizipation der Bürger sei einer der wichtigsten Impulse für die Stadt der Zukunft, heißt es im Thesenpapier der Prognos AG, das die Erkenntnisse aus dem Bilfinger Berger Award zusammenfasst. Auch in den Tower Hamlets bezog die Bezirksverwaltung vor dem Bau der „Idea Stores“ die Bevölkerung ein. Am Telefon, auf der Straße, im Supermarkt fragten Interviewer die Einwohner, wieso sie die Bibliotheken so selten nutzten.Was man dagegen tun könne, dass ein Drittel der Bevölkerung keine Ausbildung habe. Wie man auch die ganz jungen und die ganz alten Menschen für Bildungsprogramme begeistern könne. Drei Jahre später waren die Antworten in Glas, Stahl und Beton Realität geworden: 2002 wurde der erste „Idea Store“ eröffnet. Die Besucherzahlen haben sich seitdem verdreifacht.
KULTUR LOHNT SICH
Der Fußboden im „Idea Store Whitechapel“ hat die rote Farbe eines Kinderkaugummis, die Wände sind neongrün und die vielen Sessel und Sofas sehr bequem. Bei den Jugendbüchern im Erdgeschoss wummern Rapbässe aus einem Lautsprecher. Im Café oben im vierten Stock sind die Bücherregale nach den Farben der Cover sortiert, der Tee kostet nur 80 Pence und durch die Glaswand meint man, auf ganz London schauen zu können. Alle Plätze sind belegt. „Ich komme an zwei Nachmittagen in der Woche her, zum Teetrinken mit Freundinnen und zum Lesen“, erklärt Margaret, 61. Rasitha, 18, lernt an den Schreibtischen für seinen Schulabschluss; Nikolai, 35,hat gerade entdeckt, dass es hier kostenlosen Internetzugang gibt. Sarah, 34, hat ihren acht Monate alten Sohn Manu auf dem Schoß und bestellt sich Kaffee und Kuchen:„In welchem anderen Café gibt es Kinderstühle, Wickelplätze und sogar noch eine Krippe?“ „Nichts hat London so sehr verändert wie die kulturellen Anstrengungen“, sagt Stadtplaner Burdett. Er klopft mit dem Zeigefinger auf einen Stadtplan Londons, irgendwo südlich der Themse.„Vor zehn Jahren wäre ich nie in diesen Teil der Stadt gegangen.“ Dann hatte man einem verlassenen Kraftwerk aus Backsteinen ein Glasdach aufgesetzt und die Tate Modern hereingeholt, das weltgrößte Museum für moderne Kunst. Die Touristen kamen. Mehr als vier Millionen, jedes Jahr. Dann zog auch das Rathaus über die Themse in die heruntergekommenen Arbeitergebiete;man restaurierte „Shakespeare’s Globe Theatre“ und baute eine Hafenpromenade. Heute werden auf dem „Borough Market“ Champagner und Austern verkauft. „Kulturelle Projekte sind wie Samenkörner. Aus ihnen entstehen die Pflanzen, die einen Stadtteil beleben“, sagt Richard Burdett.
(Text: Inka Schmeling; Fotos: Frank Schultze)


