DIE STADTTEIL-ERNEUERUNG IM KOPENHAGENER VIERTEL HOLMBLADSGADE HAT DEN BILFINGER BERGER AWARD GEWONNEN: EIN BESUCH BEI ENGAGIERTEN DÄNEN.
Über Nacht hat Erik Hauerberg, 49, der Leiter des Maritimen Jugendhauses, im flachen Wasser des Øresund Reusen ausgelegt. Viele Dutzend Strandkrabben sind darin gefangen. Jetzt lässt Hauerberg, ein drahtiger Mann mit stahlblauen Augen im tief gebräunten Gesicht, immer ein paar der Tiere im flachen Wasser frei. In ihrem lustig anzusehenden Krebsgang versuchen sie am sandigen Grund zu fliehen. „Auf die Plätze, fertig, los!“, ruft Erik. Ange feuert von ihren Schulkameraden fischen Jungen und Mädchen mit den Händen nach den Tieren. Wer die meisten fängt, gewinnt das Spiel. Ab und zu ertönt ein spitzer Schrei, mehr aus wohligem Grauen denn aus Schmerz: Wer nicht aufpasst und eine Krabbe nicht von hinten ergreift, den zwickt sie mit ihren Scheren.
Video: BILFINGER BERGER AWARD 2009
HARTGESOTTENE DÄNEN
In Dänemark gehen die Kinder nach der Schule nachmittags gewöhnlich in einen Fritidsklub, wie die Horte hier heißen. Etwa 30 Kinder sind an diesem Nachmittag mit ihren Betreuern aus den Horten im Viertel Holmbladsgade ins Maritime Jugendhaus gekommen. Es gibt Anzeichen, dass die Kinder nicht aus Durchschnittsfamilien stammen. Fast alle Jungen sind stark übergewichtig – in einem Land, in dem die Eltern gewöhnlich peinlich genau auf gesunde Kost achten. Muslimische Mädchen stapfen tapfer mit Kopftuch, Leggings und langärmeligen Sweatshirts in das kalte Nass. „Ich kann nicht schwimmen!“, ruft ein Junge vom Steg aus: In Dänemark, in dem kein Ort weiter als 60 Kilometer vom Meer entfernt liegt, lernen die meisten Kinder das Schwimmen noch vor dem Alphabet. „Egal, komm rein, das Wasser ist nicht tief“, ruft Erik zurück. „Und es ist warm!“ Der hartgesottene Däne findet 19 Grad durchaus angenehm.
MITTELSCHICHT MEIDET PROBLEMVIERTEL
„Viele der Kinder kommen aus belasteten Familien“, sagt eine der Erzieherinnen auf der Holzterrasse des Jugendhauses: „Alkohol, Gewalt.“ Sie hat selbst eine elfjährige Tochter. Würde sie das Mädchen in einen Hort im Viertel Holmbladsgade schicken? Die Erzieherin überlegt, dann sagt sie: „Eher nicht.“ Ihre Antwort ist symptomatisch für die Mittelschicht in vielen Städten weltweit: Sie meidet belastete Viertel, zieht weg. Zurück bleiben die, die keine Wahl haben, das Viertel wird immer schwächer.
Eine Abwärtsspirale, in der sich das alte Arbeiterviertel Holmbladsgade mit seinen 16 000 Einwohnern lange befand. Doch engagierte Bürger begannen, sich gegen den Niedergang ihres Viertels zu stemmen. Hunderte Kiez-Bewohner setzten sich seit 1998 beim Kvarterløft ein, ein Begriff, der wörtlich übersetzt heißt: „Das Viertel heben“, nämlich heraus aus Verwahrlosung, Vandalismus und Gleichgültigkeit. So vorbildlich fand die Jury des Bilfinger Berger Awards diese Stadtteil-Erneuerung, dass sie dem Kiez im Süden von Kopenhagen den diesjährigen Preis einstimmig zusprach. Das Maritime Jugendhaus ist ein Teilprojekt, das zu einem Symbol des Kvarterløfts wurde: Nur hier haben viele Kinder aus dem Kiez die Gelegenheit zu Wassersport und aktiver Freizeit. „Wir versuchen, ihr Selbstvertrauen zu stärken“, sagt Leiter Erik Hauerberg.
IN DER ABSTELLKAMMER VON KOPENHAGEN
Wie viel sich im Viertel tatsächlich zum Guten gewendet hat, wird deutlich, wenn Eva Damgaard, eine stämmige Frau von 65 Jahren, von früher erzählt. Ende der 1980er Jahre wurde die gelernte Damenschneiderin im Flur ihres Hauses von vermummten Unbekannten überfallen. „Am nächsten Tag bin ich nicht zur Arbeit gegangen“, scherzt sie mit dänischem schwarzen Humor: Sie wurde bewusstlos geschlagen. Als sie wieder aufwachte, merkte sie, dass ihr ein Zahn fehlte. Sie vermutet, dass es rechtsextremen Schlägern nicht gefallen hatte, dass sie sich für die Belange von Flüchtlingen im Viertel einsetzte. Dann, Mitte der 1990er Jahre, klingelte die Polizei an ihrer Tür:
Ob sie etwas gesehen habe? Direkt vor ihrem Gartenzaun sei ein 16-jähriges Mädchen vergewaltigt worden. „Früher erzählten die Menschen nicht, dass sie hier wohnen, in der Abstellkammer von Kopenhagen“, sagt Eva Damgaard. Nachts gehörten die dunklen Ecken den Haschdealern. Betrunkene wankten durch die Straßen, gewöhnliche Bürger fühlten sich unwohl.
DAS NEUE HERZ DES VIERTELS
Zehn Jahre später herrscht ein ganz anderes Bild. Die Dealer sind verschwunden. Neue Laternen erhellen das Viertel. Junge Frauen und Männer schieben Kinderwagen durch die Straßen. Nicht allein billige Kneipen dominieren das Bild, sondern Gemüseläden, Schmuckverkäufer, Sportartikelshops – und besondere Architektur. Da ist nicht nur das Maritime Jugendhaus, dessen runde Abdeckung an Meereswellen und Walrücken denken lässt. Es gibt nun die Sportstätte Prismen, in der das Tageslicht durch eine imposante Dachkonstruktion aus Balken und Milchglas hereinfällt. Und neu entstanden ist das Kvarterhuset, das Quartiershaus: Eine alte Kerzenfabrik wurde mit einem transparenten Würfel erweitert, der auf Dutzenden von dünnen Säulen zu schweben scheint. Es ist das neue Herz des Viertels, jeden Tag gehen hier eintausend Menschen ein und aus. Sie leihen Bücher in der Stadtteil-Bibliothek, stärken sich im Café, besuchen Songwriter-Konzerte, Selbsthilfegruppen und Singgruppen für Kleinkinder. Hier hat die Stadtteilzeitung ihre Redaktion, es gibt Hausaufgabenhilfe, Praxen von Physiotherapeuten und Berufsberatung für Jugendliche.
OHNE KONSENS KEINE FÖRDERUNG
Einem Stadtteil ist neues Leben eingehaucht: Warum wurde hier ein Erfolg, was anderswo auch versucht wird, aber nicht gelingt? „Es lag vor allem daran, dass die Ildsjæle, die Feuerseelen, sich engagierten“, erklärt Eva Damgaard: Bürger wie sie, die sich in jahrelangen Planungsprozessen verausgabten, um die besten Vorschläge auszuarbeiten. Die Bürgerbeteiligung wurde im Kvarterløft zum treibenden Prinzip. Viele Dutzend Engagierte trafen sich über Monate und Jahre oft mehrmals wöchentlich in Arbeitsgruppen. Ihre Ergebnisse zu den Themen Wohnen, Verkehr, Kultur, Sport und Jugend wurden von einer Steuerungsgruppe abgesegnet, in der Beamte aus den Fachbehörden der Stadt und lokale Interessenvertreter saßen: Delegierte der Kindergärten und Schulen, des lokalen Gewerbes, der Mieter und Eigentümer, der politischen Parteien. „Entscheidend für den Erfolg war das Konsens-Prinzip“, erklärt Architekt Thomas Christoffersen, der die Quartiers-Erneuerung zusammen mit dem Projektmanager Jørgen Sprogøe Petersen im Auftrag der Stadt koordinierte. „Ohne Konsens gab es keine Förderung: Ein guter Anreiz, Kompromisse zu finden.“
EINWOHNER FÖRDERN UND FORDERN
Beispiel Wohnhaus-Sanierung: Vor der Quartiers-Erneuerung waren ein Drittel der Wohnungen in Holmbladsgade ohne Bad, und die Toilette musste man sich mit dem Nachbarn teilen. In einigen der gewöhnlich fünfstöckigen Häuser gab es überhaupt keine Wasserklosetts – nur Latrinenhäuschen im Innenhof. Die Sanierung wurde zum größten Posten der Quartiers-Erneuerung. 70 Prozent der öffentlichen Gelder von insgesamt 47 Millionen Euro flossen in die Renovierung der Häuser, die häufig als Wohngenossenschaften organisiert waren – doch das Geld gab es erst, nachdem sich die Anteilseigner in teils langen Diskussionen auf genaue Pläne und eine Finanzierung geeinigt hatten. Nur wenn die Eigner nachwiesen, dass sie etwa die Hälfte der Kosten über Bankkredite selbst aufbringen konnten, schossen Staat und Kommune die andere Hälfte zu. So erreichte die öffentliche Hand nicht nur, dass 42 Häuser preisbewusst und zweckmäßig renoviert wurden. „Gleichzeitig sorgte sie für Ownership“, erklärt Jørgen Sprogøe Petersen: „Weil die Menschen ihre Zeit und ihr Geld investierten, kam es zu neuer Identifikation mit dem Viertel.“
GEMEINWOHL GEHT VOR
Natürlich gab es auch Konflikte. So fürchteten die Anwohner der geplanten Sporthalle den Lärm der Besucher. Der lokale Squash-Club wollte einen eigenen Court in der Halle. Aber die Anwohner ließen sich schließlich überzeugen, und die Squash-Spieler sahen ein, dass ein Court dem Konzept widersprach. Schüler- und Breitensport sollen gefördert werden, nicht Spezialinteressen. „Die dänische Gesellschaft ist geprägt von über hundert Jahren Arbeiterbewegung und Demokratie“, erklärt Ole Pedersen, der in der Sportstätten-Arbeitsgruppe für Kompromisse sorgte: „Wir nehmen es mit der Muttermilch auf, den anderen nicht als Gegner, sondern als Partner zu sehen und auch ans Gemeinwohl zu denken.“
DER KAMPF FÜR DAS VIERTEL GEHT WEITER
Ole Pedersen, 66, ist ein freundlicher graubärtiger Mann, dessen Füße unbestrumpft in Birkenstocksandalen stecken. Mit 14 Jahren wurde er Arbeiter in einer Fabrik, mit Anfang 30 ließ er sich zum Erzieher ausbilden, um in Kinderkrippen des Viertels „den Kleinen 32 Jahre lang den Rotz abzuwischen“, wie er lächelnd sagt. Jetzt, im Ruhestand, hat er eine neue Aufgabe übernommen: Er ist Vorsteher der Lokaludvalg, des Bürgerkomitees: Auch aufgrund der Kvarterløft-Erfahrungen hat Kopenhagen in allen Stadtbezirken solche Gremien mit eigenen Büros und Budgets geschaffen, die als Bindeglied zwischen Verwaltung und Bürgern für mehr direkte Demokratie und Beteiligung sorgen sollen. „Am Küstenstreifen unseres Viertels gibt es viele Industriebrachen. Wir arbeiten an einem Entwicklungsplan“, erklärt Pedersen. Bei den Sitzungen und Besprechungen trifft er auch auf Eva Damgaard: „Die Feuerseelen aus dem Kvarterløft sind alle wieder mit dabei.“ Jüngster Coup von Pedersen und seinem Gremium ist die Anschaffung eines Motorboots für das Stadtviertel. Jetzt liegt es neben dem Maritimen Jugendhaus vor Anker und wird rege von lokalen Vereinen und Jugendeinrichtungen gebucht. Hobby-Ornithologen fahren damit hinüber nach Saltholm, einer Vogelschutz-Insel im Øresund. Und die Kinder und Teenager der Holmbladsgade fahren zusammen mit Jugendhausleiter Hauerberg hinaus zum Angeln, viele zum ersten Mal in ihrem Leben. Im Frühling fangen sie Hornhechte, im Spätsommer Makrelen, im Winter Dorsche und das ganze Jahr über Schollen: Kindheitserlebnisse, wie man sie sich wünscht in Dänemark, auch für die Kinder aus Holmbladsgade.
(Text: Bernd Hauser, Fotos: Uffe Weng, Ulrike Schacht)
Bilfinger Berger Magazin 2/2009

