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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 1/2009

Interview mit Herbert Bodner

Bei PPP-Projekten dürfe man nicht kleinkariert um jedes Detail streiten, sagt Herbert Bodner. Ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden von Bilfinger Berger.
Interview

Titelstory: Recht effizient

DAS JUSTIZZENTRUM IN CHEMNITZ ENTSTAND IN ÖFFENTLICHPRIVATER PARTNERSCHAFT. DIE VORTEILE DES NEUEN ZENTRUMS: KÜRZERE WEGE, MEHR SERVICE, WENIGER KOSTEN.

An seiner Gürtelschlaufe klappern Schlüssel, automatische Türen fallen klackend hinter ihm ins Schloss. Er klopft kurz an der nächsten Tür, tritt ein, „schön’ guten Morgen, ich habe Ihnen ein bisschen Arbeit mitgebracht“. Fred Gottschalk wuchtet einen Stapel Akten auf den Tisch. Auf den ockerfarbenen Pappdeckeln steht „Amtsgericht Chemnitz“ und „Insolvenzgericht“. Gottschalk geht wieder hinaus, holt einen zweiten Aktenstoß, „und hier noch ’ne Kleinigkeit dazu“, sagt er, wünscht „noch einen flotten Tag“ und schon ist er wieder draußen.

Fröhlich sächselnd schiebt Fred Gottschalk seinen Aktenwagen ab sieben Uhr morgens über die Flure des Justizzentrums in Chemnitz, zuerst auf der „Rechtspflegerrunde“, später auf der „Richterrunde“, der „Schreibzimmerrunde“ und der „Postrunde“. Dabei verteilt und sammelt Fred Gottschalk Akten und Post, was einfacher klingt, als es ist. Bei geschätzten zwei Zentnern Papier, die pro Tour durch seine Hände gehen, ist schnell ein Aktenzeichen, eine Zimmertür, ein Ablagefach verwechselt. „Aber“, sagt Gottschalk, „die Leute, denen ich die Akten bringe, sind meine Kunden. Die haben jeden Tag Anspruch auf Qualität.“

„BEAMTER MUSS ICH NICHT SEIN“
Es dürfte in Deutschland nur wenige Gerichtsboten geben, die ihre Gegenüber in den Amtsstuben als „Kunden“ bezeichnen. Fred Gottschalk ist kein Justizangestellter im Öffentlichen Dienst, sondern Mitarbeiter der Bilfinger Berger-Tochter HSG Zander, die den Betrieb des Chemnitzer Justizzentrums managt. Dazu gehören auch die Botengänge, die früher meist von Beamten gemacht wurden. Gottschalk trägt deshalb nicht die grüne Uniform eines Justizwachtmeisters, sondern ein blaues Hemd mit einem Namensschild an der Brusttasche und dem auf – gestickten Kürzel seines Arbeitgebers am Kragen – HSG Zander. „Nö“, sagt Gottschalk ganz entspannt, „Beamter muss ich nicht sein, um meine Arbeit gewissenhaft zu machen“.

Neuland hat aber nicht nur der gelernte Gärtner Fred Gottschalk betreten, als er Ende 2008 seine erste Botentour absolvierte. Das neue Justizzentrum insgesamt ist ein Pilotprojekt: das erste und bislang einzige Public-Private-Partnership-Projekt (PPP) des Freistaats Sachsen. Auf dem Chemnitzer Kaßberg, dem angestammten Standort von Landgericht und Justizvollzugsanstalt, ist ein Zentrum entstanden, das nun auch Adresse von Amtsgericht und Staatsanwaltschaft ist, die zuvor auf drei Gebäude in der Stadt verteilt waren. Bilfinger Berger hat den knapp 11000 Quadratmeter großen Komplex für rund 475 Bedienstete nicht nur geplant, gebaut und finanziert, sondern verantwortet für die nächsten zwanzig Jahre auch den Betrieb des Gebäudes.

EINE WIRTSCHAFTLICH SINNVOLLE LÖSUNG
Die Mitarbeiter von HSG Zander geben Auskunft am Empfang, sie kümmern sich um die Versorgung der Justizangestellten mit Büroklammern und Kopierpapier und um die „datenschutzgerechte Entsorgung von Schriftgut“, wie es auf Amtsdeutsch heißt; sie tragen Verantwortung für die Arbeit von Subunternehmern, die das Justizzentrum reinigen und die Kantine betreiben; sie erfüllen klassische Hausmeisterdienste wie Zimmerumzüge und Reparaturen, und im Kontrollraum überwachen sie alles von der Stromversorgung bis zu den Einbruchmeldern und den Kassen in der Tiefgarage.

Der Vorteil dieses Betreibermodells für das Land Sachsen, das weiterhin Eigentümer von Grundstück und Gebäude ist, lässt sich in einer einfachen Zahl ausdrücken: Um 14,3 Prozent ist die PPP-Variante günstiger, als es die herkömmliche Umsetzung des Projekts in Eigenregie des Freistaats gewesen wäre. „Dieser deutliche Vorsprung bei der Wirtschaftlichkeit war für uns das entscheidende Kriterium“, sagt Professor Dieter Janosch, Geschäftsführer des Staatsbetriebs Sächsisches Immobilien- und Baumanagement, der als Auftraggeber fungierte. Janosch betont aber, dass sich der Auftraggeber ein PPP-Projekt auch „leisten“ können muss: „PPP ist kein Ausweg aus einer klammen Finanzlage nach dem Motto: Wir genehmigen uns jetzt etwas, das unsere finanziellen Möglichkeiten im Grunde übersteigt.“ Trotz des Kostenvorteils von PPP dürfe nicht unterschätzt werden, dass sich das Bundesland durch das monatliche Nutzungsentgelt auf lange Zeit festlege.

DIE GEMEINSAMEN ZIELE SIND LANGFRISTIG
Warum der Freistaat diese langfristige finanzielle Verpflichtung dennoch auf sich nimmt, hat auch mit der besonderen Qualität der Partnerschaft zu tun, die dem PPP-Projekt zugrunde liegt. Dieter Janosch: „Bei einem Betreibermodell wie dem Justizzentrum müssen nicht nur wir, sondern auch der Auftragnehmer über 20, 25 Jahre mit dem Gebäude leben.“ Anders als bei einer klassischen Bauabwicklung mit einem Generalunternehmer verfolgten beide Partner deshalb langfristig gemeinsame Ziele. „Beispielsweise macht es für den Privaten keinen Sinn, einen Boden reinzulegen, der zwar billig in der Anschaffung, dann aber viel teurer zu reinigen ist als ein hochwertiger Belag“, begründet Janosch. „Über den gesamten Nutzungszeitraum betrachtet, sind immerhin 80 Prozent aller Kosten Folgekosten.“

Derartige Berechnungen der Lebenszykluskosten eines Gebäudes kann nicht jedes Unternehmen leisten. Für die komplexen Beziehungen zwischen der Architektur und der technischen Ausstattung einerseits und den daraus resultierenden Kosten während der jahrzehntelangen Nutzung andererseits braucht es „viel Know-how von Fachleuten“, sagt Dr. Christian Glock von Bilfinger Berger Hochbau, der das Justizzentrum während der Angebots- und Konzeptionsphase als Projektleiter betreute. Vom Steuerfachmann bis zum Heizungstechniker waren bis zu 50 Experten aus den verschiedenen Einheiten von Bilfinger Berger dabei in einen Prozess eingebunden, den Christian Glock so beschreibt: „Quasi vom ersten Strich des Architekten an waren alle beteiligt, die später mit dem Bauwerk in irgendeiner Weise zu tun haben. Diese permanente Rückkopplung ermöglicht eine ganzheitliche Optimierung. Deshalb kommen wir zu dem Kostenvorteil von 14,3 Prozent.“ So sind zum Beispiel Wände und Decken des Gebäudes dicker als üblich und aus höherwertigem Material; dafür müssen die Sitzungssäle und Amtsstuben nicht durch eine teure und energieintensive Anlage vollklimatisiert werden.

Zu den Veränderungen bei der Chemnitzer Justiz, die auch für Außenstehende offensichtlich sind, gehört das Service-Team. Wo früher Wachtmeister hinter Schutzglasscheiben saßen, weisen heute Mitarbeiter von HSG Zander an einem offenen Empfangsschalter den Weg. Und so wie aus einst zwei Empfängen für Staatsanwaltschaft und Amtsgericht in verschiedenen Gebäuden nun ein Empfang wurde, verschmolzen im neuen Justizzentrum auch die ehemals zwei Poststellen zu einem gemeinsamen Ort fürs Sortieren, Eintüten, Frankieren und Verschicken – bei höherer Prozess-Ökonomie.

Oberstaatsanwalt Bernd Vogel sieht den größten Vorteil des neuen Justizzentrums im Zeitgewinn: „Zu Verhandlungen mussten wir früher mit dem Auto ins Amtsgericht oder ins Landgericht fahren. Heute nimmt man sein Aktenpaket unter den Arm und läuft hinüber in den Sitzungssaal.“ Wenn früher eine Verhandlung unterbrochen wurde, mussten Vogel und seine Kollegen oft untätig warten, weil es sich nicht lohnte, durch die halbe Stadt in die eigene Dienststelle zurückzufahren: „Jetzt sitzt man sofort wieder am Arbeitsplatz und kann die Zeit sinnvoll nutzen.“ Auch der kollegiale Austausch mit den Richtern sei besser, weil einfacher: „Man trifft sich eher zu einer Tasse Kaffee“, sagt Vogel, der die „top ausgestatteten“ Küchen auf jedem Flur lobt.

„ICH BIN EIN STAR, HOLT MICH HIER RAUS!“
Doch nicht alle Nachbarn sind gleich angenehm: Durch die Nähe zur Justizvollzugsanstalt ist die Vorführung von Gefangenen zwar deutlich einfacher. Dafür blicken manche Staatsanwälte jetzt von ihren Zimmern aus direkt auf die JVA – und die dort Einsitzenden auf den Schreibtisch des Staatsanwalts. „Die Leute dort haben ja mehr Zeit als wir“, sagt Vogel. „Die stehen stundenlang hinter ihren vergitterten Fenstern, rufen sich gegenseitig zu, machen Spielchen mit Spiegeln.“ Einmal habe einer gerufen: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Er jedenfalls sei ganz froh, sagt Oberstaatsanwalt Vogel, dass er von seinem Dienstzimmer in die entgegengesetzte Richtung blickt: auf Bäume und auf Wohnhäuser mit Wäscheständern.

(Text: Stefan Scheytt, Fotos: Frank Schultze)
Bilfinger Berger Magazin 1/2009