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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 1/2009

Zurück in die Zukunft

DIE WISSENSCHAFTLER DER FRANKFURTER SENCKENBERG GESELLSCHAFT TRAGEN IHR WISSEN ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES LEBENS IN DIE GEGENWART HINEIN. DIE ÖFFENTLICHKEIT BEDANKT SICH MIT REGEM INTERESSE UND FINANZIELLER UNTERSTÜTZUNG.

Sanft gleiten Ottmar Kullmers Fingerkuppen über den 2,5 Mil – lionen Jahre alten Unterkiefer des „Homo rudolfensis“, des ältesten der Gattung Homo. Rillen in den abgenutzten Zahnoberflächen des „UR 501“ geben preis, welche Pflanzenkost der Urmensch zu sich nahm. „So wissen wir, wie das Ökosystem aussah, in dem er lebte“, sagt Kullmer, 44. Der Paläontologe der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main liest die mikroskopisch kleinen Rillen wie andere Menschen ein Buch.

Kullmers Faible für Zähne beschränkt sich nicht auf die Vorzeit, ganz im Gegenteil. Der Paläontologe teilt sein Wissen mit der modernen Zahnmedizin: „Es macht keinen Sinn, einem Vierzigjährigen ein Implantat zu verpassen, das aussieht wie neu“, sagt Kullmer. Seine Idee: Kunstzähne mit individuellen Mikro-Rillen, damit sie sich perfekt in ein bestehendes Gebiss integrieren. Ottmar Kullmer kooperiert auch mit Ingenieuren und Radiologen, die Scanner und Computertomographen für die Zahnmedizin bauen: „In der Paläontologie vermessen wir unebene Oberflächen sehr exakt, deshalb holen sich die Fachleute bei uns Tipps, wie sie ihre Geräte weiterverfeinern können.“

So liefert die Arbeit mit Funden aus der Vergangenheit den Anstoß für überraschende neue Ideen – was ganz dem Selbstverständnis der altehrwürdigen Senckenberg-Institution entspricht: Forschung soll in die Gesellschaft hineinwirken, das Wissen aus der Natur die Allgemeinheit bereichern.

Der breiten Öffentlichkeit ist die Senckenberg Gesellschaft vor allem durch ihr Museum bekannt. Im Lichthof zeigt ein Tyrannosaurus Rex seine furchterregenden Reißzähne. An der Decke spannt Quetzalcoatlus seine Schwingen, ein Flugsaurier so groß wie ein Sportflugzeug. Auf drei Stockwerken zeigen Schaukästen und Exponate unzählige Säugetiere und Vögel, erklären Plattentektonik und Evolution.

Wie schweißtreibend es sein kann, die Exponate zu sammeln, zeigt der Kiefer des „Homo rudolfensis“, der 1991 in Malawi gefunden wurde. „Wir hielten den kompletten Unterkiefer in Händen. Eine Sensation! Nur einem Backenzahn fehlte eine Ecke“, erzählt Kullmer. Auf der Suche nach diesem Fragment siebten die Senckenberg-Forscher zwölf Tonnen Sand von Hand. Erfolgreich.

DER STIFTERGEDANKE LEBT BIS HEUTE
Die Forscher stehen mit ihrer Arbeit in einer knapp 200 Jahre alten Tradition. 1817 gründeten 32 Frankfurter Bürger die „Senckenbergische naturforschende Gesellschaft“, vier Jahre später eröffnete das volksnahe Naturmuseum. Der Namensgeber, Johann Christian Senckenberg, war damals schon fast 50 Jahre tot. Der Frankfurter Arzt hatte drei Ehefrauen und sämtliche Kinder durch Krankheiten verloren. Er stiftete 1763 sein Vermögen, um ein Bürgerhospital und wissenschaftliche Initiativen zu finanzieren. Dieser Stiftergedanke lebt bis heute fort, im Großen wie im Kleinen.

Die Gesellschaft hat über 4000 Mitglieder, darunter viele Familien, die für ihren Beitrag freien Eintritt erhalten. Manche Unterstützer übernehmen Patenschaften für Exponate; ihr Name ist dann auf der Schauvitrine vermerkt: ob Kaninchennasenbeutler, Tüpfelkuskus oder Stachelschwein – sie alle haben ihren Patron gefunden. Das Museum selbst, teure Sonderausstellungen und Ausgrabungen in aller Welt werden mit der Hilfe von Großspendern finanziert – auch Bilfinger Berger gehört dazu.

„DIE SAMMLUNGEN SIND UNSER GEDÄCHTNIS“
Die Senckenberg Gesellschaft unterhält heute Labore, Sammlungen und Institute in Gelnhausen, Weimar, Dresden, Görlitz, Müncheberg und Wilhelmshaven. Forscher bergen aus dem ehemaligen Tagebau Messel bei Darmstadt Fossilien, sie fischen vor Japan nach Getier, sind an Expeditionen in die Antarktis beteiligt. Die gesammelten Pflanzen, Tiere und Gewebeproben werden akribisch bestimmt, katalogisiert und aufbewahrt. Beutel voller Muscheln, aufgespießte Käfer, Fliegen, Mücken und Spinnen, in Flüssigkeit eingelegte Krebse, Fische, Frösche und Schlangen ruhen in unzähligen Schränken. Regelmäßig schenken pensionierte Biologen oder passionierte Hobbysammler der Senckenberg Gesellschaft ihre Kollektionen.

Über 25 Millionen Objekte beherbergt die Forschungseinrichtung. „Die Sammlungen sind unser Gedächtnis“, erklärt Udo Becker, 47. Auf dem Tisch des Präparators steht ein Glasgefäß, in dem eine Langnasen-Chimäre in Alkohol eingelegt ist. Weißlich schimmert der rund 80 Zentimeter lange Fisch, hohl glotzen seine Augen. Wissenschaftler hatten die Art erstmals 1895 vor Neuseeland gesichtet. Beckers Tier wurde am 5. Juli 2007 aus dem Meer gezogen: „Würden wir heutzutage keine mehr finden, müssten wir fragen, warum das so ist.“ Änderungen im Ökosystem lassen sich nur im Vergleich mit zurückliegenden Zeiten beschreiben, sagt Becker. Sein Arbeitsplatz ähnelt einem Kuriositätenkabinett. Zwei Fuchspelze hängen über der Rückenlehne eines Bürostuhls. Auf dem Tisch wartet das hundegroße Skelett darauf, ummantelt zu werden. Reptilien, Insekten und Fische bildet Becker aus Kunststoff nach. Eines der beliebtesten Schaustücke des Museums ist aber eine riesige Anakonda, die ein Wasserschwein verschlingt.

„Das Museum erledigt die Öffentlichkeitsarbeit für die Forschung“, sagt Professor Volker Mosbrugger, 55, Chef der 450 Senckenberg-Mitarbeiter. Eine wichtige Aufgabe sieht er darin, die Folgen menschlichen Handelns aufzuzeigen. „100 Arten sterben täglich aus“, sagt Mosbrugger. Viele davon sind noch unerforscht. Es könnten Schwämme oder Pflanzen darunter sein, die Grundstoffe für wirksame Medikamente liefern. Unwiederbringlich verloren.

Derzeit baut der Wissenschaftsmanager ein Forschungszentrum „Biodiversität und Klima“ auf. Zehn Professoren sollen konkreten Fragen nachgehen. „Um wie viel Grad das Klima wärmer wird, ist uns zu abstrakt“, erklärt Mosbrugger, „wir wollen wissen: Welche Pflanzen können wir künftig nicht mehr anbauen?“

DIE NATUR SCHÜTZEN UND NUTZEN
Auch in der Tiefsee sieht Mosbrugger großen Forschungsbedarf. Jede Fahrt bringt neue Arten aus der ewigen Dunkelheit ans Licht. Und obwohl die Welt noch so wenig über die Tiefen des Meeres weiß, gibt es Pläne, verstärkt Rohstoffe am Ozeanboden abzubauen, oder dort Kohlendioxid zu versenken. Mosbrugger fordert keine Abkehr von diesen Plänen. „Die Natur zu schützen und zu nutzen sind gleichwertige Ziele“, erklärt er. „Wir sollten jedoch wissen, was wir tun, damit wir keinen Schaden anrichten, der nicht wiedergutzumachen ist.“ Mosbrugger ist nicht der Einzige, der um Weitsicht wirbt. Auf dem Giebel des Museums reckt Chronos, der griechische Gott der Zeit, den Frankfurter Bankentürmen sein Stundenglas entgegen, als wollte auch er mahnen: Die Natur misst die Entwicklung in Jahrmillionen, nicht in Quartalen.

Text: Mathias Rittgerott, Fotos: Rainer Kwiotek
Bilfinger Berger Magazin 1/2009