VOR 20 JAHREN FIEL DIE MAUER. AUTOR PHILIPP MAUSSHARDT ERINNERT SICH AN SEINE ZEIT ALS FLUCHTHELFER.
Am Tag, an dem die Mauer fiel, schmeckten die gerösteten Kastanien nicht mehr.
Vielleicht ist das die letzte Chance, diese Geschichte noch einmal zu erzählen. Wer weiß, ob in zehn Jahren sich noch irgendwer dafür interessiert? Zum 50. Jubiläum des Mauerfalls werde ich wahrscheinlich als „Zeitzeuge“ mit einer Gehhilfe in die Aula der Grundschule von Kirchentellinsfurt geschoben und der Schuldirektor wird den Kindern sagen: „Das ist der alte Herr Maußhardt, und er wird nun erzählen, wie das damals war.“ Nämlich am 9. November 1989, als ich mit meinem Freund Axel vor dem Kamin saß, das Telefon klingelte und die Kastanien anschließend nicht mehr schmeckten. Ja, so war das damals.
Die Idee, Axel aus der DDR in den Westen zu holen, hatten meine Freundin und ich schon nach dem ersten Treffen in Dessau im Jahre ’88. So ein netter Kerl und so ein böser Staat passten einfach nicht zusammen. Friederike schlug vor, ihn zu heiraten, ich war einverstanden, nur ein mit solchen Scheinhochzeiten bewandter Rechtsanwalt riet uns davon ab: Das dauert Jahre. „Kofferraum?“, fragte ich Friederike. „Kofferraum“, antwortete sie.
Wer sich noch an die Kontrollen an der innerdeutschen Grenze erinnert, wird verstehen, dass wir einen Umweg wählten. Die sächselnden Gänsefleisch-Zöllner („Gänsefleisch mol den Gofferraum öffnen?“) hätten unseren schwarzen Passagier sicher entdeckt. Die Ungarn dagegen galten immer schon als die realen Schlawiner des Sozialismus, „egészségedre! – trink-ma-noch-ein.“ Weil Axel aber als ein sehr unzuverlässiger DDR-Bürger galt, bekam er nicht einmal für Ungarn ein Visum.
Es schien alles gescheitert, da schrieb uns im Frühsommer 1989 ein Freund, Axel habe jetzt ein Visum für einen Urlaub in Rumänien erhalten. Rumänien war linientreu. Aber der Zug nach Rumänien musste durch Ungarn! Die „Operation K“ lief an. „K“ wie Kofferraum. Ich baute das Auto auseinander, verstaute in den Verkleidungen der Türen zwei Funksprechgeräte, von denen ich heute nicht mehr weiß, wofür sie taugen sollten. Aber wenn man eine Sache noch nie gemacht hat, und wir hatten noch nie jemanden zuvor im Kofferraum über eine Grenze geschmuggelt, tut man bisweilen merkwürdige Dinge.
Auf dem Bahnhof von Budapest trafen wir uns. Axel war mulmig zumute – uns auch. Die Nacht verbrachten wir in einem Waldstück, Axel hatte ja kein Visum. Der nächste Morgen war sonnig und heiß. Wir packten Axel in den Kofferraum und deckten ihn mit schmutziger Unterwäsche, meuchelnden Schlafsäcken und Gerümpel zu. Ganz obenauf legten wir ein paar eiskalte Coladosen.
Auch ungarische Zöllner sind nur Menschen, und an diesem heißen Tag fingen sie an, im Chaos unseres Kofferraums zu wühlen, schwitzten und hielten auf einmal diese kühlen Coladosen in der Hand. „Bitte, für Sie“, sagte ich und bedeutete ihnen, sie mögen doch diese durstlöschenden Dosen als Geste der Völkerfreundschaft behalten. Sofort hörten sie auf zu wühlen, winkten uns freundlich weiter. So einfach ging das. Axel stieg in Österreich mit rotem Kopf aus der Versenkung auf.
Es war Juli, vier Monate bevor die Mauer fiel. Am 9. November saßen Axel und ich im Dämmerlicht in einem toskanischen Bauernhaus, im Kamin loderte ein Feuer und wir brieten uns zuvor im Wald gesammelte Esskastanien. Das Telefon klingelte. Es war Axels Schwester aus Dessau. Die Grenze sei offen, es könne jetzt jeder hinüber.
Einfach so.
Bilfinger Berger Magazin 2/2009
