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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 2/2009

Fußball-WM in Südafrika

Audiobeiträge Fußball-WM 2010
Bei der Fußballweltmeisterschaft geht es um mehr als ums Kicken, finden südafrikanische Mitarbeiter von Bilfinger Berger Power Services.
Audiobeiträge Fußball-WM 2010 in Südafrika

Interview mit Gerd Lesser

Gerd Lesser, Geschäftsführer von Bilfinger Berger Power Services
Gerd Lesser ist Geschäftsführer von Bilfinger Berger Power Services. Er setzt auf eigene Leute, statt Leistungen einzukaufen. Kunden kann das nur Recht sein.
Interview

Chancen am Kap

 

ENERGIE IST KNAPP IN SÜDAFRIKA, DAS LAND BRAUCHT NEUE KRAFTWERKE. BILFINGER BERGER POWER SERVICES BAUT SEINE KAPAZITÄTEN AUS UND BRINGT JOBS UND NEUESTE TECHNIK IN DIE HAUPTSTADT PRETORIA.

Gladness Mampa ist 22 Jahre alt. Ihr Haar hat sie unter einer roten Schirmmütze verborgen, der blaue Arbeitsanzug schlackert um die schmalen Arme. Die Auszubildende von Bilfinger Berger Power Services schweißt konzentriert dünne Stahlrohre zu vielfach gebogenen Leitungen zusammen, die der Stromriese Eskom für seine neuen Kohlekraftwerke Medupi und Kusile im Nordosten des Landes bestellt hat.

Gladness Mampa sagt, sie habe zwei Mal im Leben großes Glück gehabt. Das erste Mal, als ihr Vater ihr als einzigem von sieben Kindern das Gymnasium bezahlte. Das zweite Mal, als sie auf einer Fachmesse Gertränke servierte und zufällig erfuhr, dass Bilfinger Berger Power Services in Pretoria junge Leute ausbildet. Eine Seltenheit in Südafrika, wo Unternehmen noch nicht verpflichtet sind, Ausbildungsplätze anzubieten. Gladness rief sofort an, wenig später hatte sie die Stelle. Seit einem Jahr bedient sie Schleifgeräte, Schweißpistolen und große Laufkräne, deren schwere Haken bis zu zwölf Tonnen heben können. „In zwei Jahren bin ich Kesselbauerin und verdiene besser als mein Vater“, sagt sie und lächelt verhalten. Er sei sehr stolz auf sie.

Video: WIE STAHLROHRE BEIM INDUKTIVBIEGEN DIE KURVE KRIEGEN

SCHNEIDEN, SCHWEISSEN, BIEGEN
Neben Gladness Mampas Kesselbauhalle entsteht ein neues, riesiges Werk: Die Kopie einer Anlage in Dortmund, in der Bilfinger Berger Power Services Hochdruckrohre für Kraftwerke fertigt. Power Services ist Marktführer in Europa. Künftig wird das Unternehmen nicht nur im deutschen Ruhrgebiet, sondern auch am südafrikanischen Kap mächtige Rohre schweißen, schneiden und biegen, mit Durchmessern bis zu 85 Zentimetern und Wanddicken bis zu zehn Zentimetern. Die Rohre müssen Temperaturen von 600 Grad Celsius standhalten, wenn der Wasserdampf aus den Kesseln unter gewaltigem Druck zu den Turbinen schießt. 280 Bar herrschen in den Rohren, hundert Mal so viel wie in einem gut aufgepumpten Autoreifen.

Um solch hochstabiles Material in Form zu bringen, haben die Kraftwerksbauer in Pretoria die gleiche Biegemaschine geordert, die auch in Dortmund steht. Anfang des Jahres wird die teure Spezialmaschine in Südafrika eintreffen. Insgesamt elf Millionen Euro investiert Bilfinger Berger in das neue Werk, einschließlich der Ausbildung von Fachkräften. Wozu solche Ausgaben, wenn die Technik bereits in Deutschland verfügbar ist?

STROMMANGEL HEMMT WACHSTUM
„Den südafrikanischen Energieversorgern steht ein Boom bevor“, sagt Salvador von Neuberg, 64, Manager bei Bilfinger Berger Power Services in Pretoria. „Allein unser Auftrag für die neuen Kohlekraftwerke Medupi und Kusile ist 85 Millionen Euro schwer.“ Weitere Aufträge werden folgen, da ist sich von Neuberg sicher, der seit 36 Jahren im südafrikanischen Kraftwerksgeschäft tätig ist. „Seit fast 20 Jahren wurde hier keine neue Anlage mehr gebaut“, erzählt er. Und das, obwohl sich der Stromverbrauch zwischen 1985 und 2007 fast verdoppelt hat. Die Wirtschaft florierte und die Minen, aus denen Platin, Gold und Chrom gewonnen werden, wuchsen. Die Bergwerke brauchen gigantische Mengen an Strom. Seit einigen Jahren sind Engpässe in der Energieversorgung die Folge. Der Strommangel hemmt das Wirtschaftswachstum, ganze Ortschaften versinken bisweilen im Dunkeln.

Damit soll jetzt Schluss sein. Die südafrikanische Regierung investiert in den Energiesektor und lockt damit auch Anbieter hochspezialisierter Technologien ins Land – wie den Hochdruck-Rohrleitungsbau von Bilfinger Berger Power Services. Bei der Auftragsvergabe jedoch werden solche Firmen bevorzugt, die direkt in Südafrika produzieren, statt Komponenten zu importieren. „Hätten wir nicht den Aufbau der neuen Fabrik mit 200 neuen Arbeitsplätzen in Pretoria angeboten, hätten wir den Zuschlag nicht bekommen“, sagt von Neuberg.

DER RUHESTAND MUSS WARTEN
Wenn die komplizierte Biegetechnik in Pretoria funktionieren soll, muss mit den modernen Maschinen auch das entsprechende Know-how ans Kap kommen. Deshalb findet zwischen den Mitarbeitern aus Südafrika und Deutschland ein reger Austausch statt.

In Dortmund bereitet sich Gerd Seidel auf seinen Trip nach Pretoria vor. Eigentlich wollte der 65-Jährige in Pension gehen, nachdem er bei Bilfinger Berger Power Services viele Jahre als Qualitätsmanager gearbeitet und Biege- und Schweißtechniken mitentwickelt hatte. Doch für den Aufbau des neuen Werks verschob er den Ruhestand. Gerade werden seine Anleitungen für verschiedenste technische Verfahren ins Englische übersetzt. Er wird in Pretoria dabei sein, wenn die Biegemaschine aufgebaut wird. Noch aber ist Seidel in Dortmund und läuft in der Biegehalle zwischen Stahlrohren hindurch, die so groß sind, dass Kinder darin Verstecken spielen könnten. Vor einem grün lackierten Stahlkoloss bleibt er stehen. „Das ist die Induktiv-Biegemaschine“, sagt er, „das Herz des Werks.“

DIE WOHNUNG GEKÜNDIGT
Peter Godler, 55, hievt mit einem Kran ein zwölf Meter langes Rohr in die Maschine hinein, die groß ist wie eine Lokomotive. Er legt einen wenige Zentimeter schmalen Kupferring um das Rohr, dort wo die Biegung beginnen soll. Der Ring ist eine Induktionsspule, lässt man starken Strom durchfließen, beginnt das Rohr darunter zu glühen. Der vordere Teil der Maschine, der „Biegearm“, bewegt sich in Zeitlupe um die Kurve, während das Rohr Millimeter für Millimeter durch die Kupferspule geschoben wird. Bis zu zehn Stunden dauert es, bis eines der Riesenteile fertig gebogen ist, erklärt Peter Godler. Seine Mietwohnung in Mülheim ist gekündigt, das Auto verkauft. Ende des Monats wird auch er nach Südafrika reisen, mit einem Drei-Jahres-Vertrag als Biegemeister in der Tasche.

JEDE SCHWEISSNAHT DOKUMENTIERT
Aus Pretoria ist die südafrikanische Kollegin Liana Svanepoel nach Dortmund gekommen, sie wird im neuen Werk für Qualitätssicherung zuständig sein. Sollte ein fehlerhaftes Rohr beim Kunden landen, muss rückverfolgbar sein, ob das Material, die Verarbeitung oder die Transportbedingungen für den Schaden verantwortlich sind. Deshalb ist in jedes Rohr, das bei Power Services bearbeitet wird, eine Nummer eingeprägt. Jede einzelne Schweißnaht erhält eine Markierung, aus der ersichtlich ist, wer wann an dieser Stelle gearbeitet hat. Hunderte von Arbeitsschritten werden genau dokumentiert, und Svanepoels Aufgabe in Pretoria wird sein, dabei den Überblick zu behalten: „Ich lese mich in Dortmund in die Materie ein, aber ich spreche auch mit vielen Kollegen, um zu verstehen, wie sie hier arbeiten.“ Zurück in Pretoria wird sie die umfangreichen Verfahrensprozesse ihren Mitarbeitern erklären.

WO IST DIE JUNGE SCHWARZE ELITE?
Liana Svanepoel ist weiß, ebenso wie fast alle ihre Kollegen im oberen Management von Bilfinger Berger in Pretoria. Viele sind zwar Südafrikaner, doch wo ist die junge schwarze Elite? „Im Lauf der Zeit werden immer mehr Führungspositionen von Schwarzen wahrgenommen werden“, meint Salvador von Neuberg. Auch aufgrund des Gesetzes zum „Black Economic Empowerment“, das die Regierung unter Thabo Mbeki im Jahre 2004 erließ. Demnach müssen Unternehmen in ihrer Mitarbeiterschaft die Zusammensetzung der Ethnien im Land widerspiegeln. „Das können wir nicht von heute auf morgen umsetzen“, sagt von Neuberg. Einer der Gründe sei, dass jahrzehntelang hauptsächlich Weiße Zugang zu Universitäten und höheren Ausbildungsgängen hatten. Eine gut qualifizierte schwarze Mittelschicht sei erst im Entstehen, und insbesondere Ingenieure seien einstweilen knapp.

„Doch jetzt wächst eine neue, selbstbewusste Generation heran, und die bilden wir aus“, sagt von Neuberg. Mit dem Werk in Pretoria, das ab dem Frühjahr 2010 produzieren wird, kommen 40 neue Ausbildungsplätze in die Hauptstadt. Für viele junge Talente bedeutet das, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen, in dem die Eltern noch gefangen waren. Auch die 22-jährige Gladness Mampa verknüpft große Hoffungen mit ihrer Ausbildung. „Ich will mich immer weiterentwickeln und lernen“, sagt sie. „Am liebsten möchte ich nach der Ausbildung studieren und dann zur Abteilungsleiterin aufsteigen.“ Sie begreife schnell, sagt sie, und sie sei stark. „Wenn mich später die jungen Mädchen sehen, sollen sie denken: So eine Lady möchte ich auch mal werden.“

(Text: Sara Mously, Fotos: Eric Vazzoler)
Bilfinger Berger Magazin 2/2009