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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 1/2009

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Wasserpartner im Heiligen Land

IN EINER AUSSERGEWÖHNLICHEN UMWELTORGANISATION KÄMPFEN ISRAELIS UND PALÄSTINENSER GEMEINSAM FÜR WASSERSCHUTZ UND FRIEDEN.

Seit er denken kann, hat der 65-jährige Abu Mazen auf winzigen Parzellen Petersilie gezogen, Salat und Tomaten. Das Gesicht des alten Bauern ist sonnengegerbt von all der Arbeit in der Gluthitze des Wadi Fukin, einem kleinen Tal in den judäischen Bergen südlich von Jerusalem. Trotz aller Anstrengung ist seine Existenz von Jahr zu Jahr mehr bedroht.

In biblischen Zeiten mögen im Heiligen Land Milch und Honig geflossen sein, aber heute leidet es unter großem Wassermangel. Wasserintensive Landwirtschaftsbetriebe und Millionen von Haushalten zapfen die Quellen und Brunnen an. Aus dem Jordan ist ein dreckiges Rinnsal geworden. Der Fluss bringt nur noch ein Zehntel der Wassermenge von einst ins Tote Meer, das langsam austrocknet. Der See Genezareth, der größte Wasserspeicher der Region, ist auf einem Rekordtiefstand. Der Grundwasserspiegel sinkt.

Doch als deutlichste Gefahr für seine Felder nahm Abu Mazen lange Zeit die israelische Siedlung Tsur Hadassah wahr, die über dem Tal auf der Höhe liegt. Seit dem Jahr 2003 bauen die Israelis Zäune und Mauern an der Grenze zum Westjordanland, aus Angst vor Attentätern; auch zwischen dem palästinensischen Wadi Fukin und dem israelischen Tsur Hadassah sollte am Berghang so ein Bollwerk entstehen, mit schlimmen Folgen für die palästinensischen Bauern: Der Hang dient als Regenwasserfang, der die Quellen im Tal speist. Die Sperrbauten mit ihren Betonsockeln und Abflussrinnen bedrohen den Zufluss zu den Quellen und damit die Lebensgrundlage der Bauern. „Wenn wir Frieden wollen“, sagt Abu Mazen, „müssen wir nicht nur die Raketen stoppen, sondern auch Bagger und Bulldozer.“

ENGAGEMENT FÜR VERSÖHNUNG
Die Palästinenser aus Wadi Fukin fanden Verbündete bei „Friends of the Earth Middle East“ (FoEME), einer einzigartigen Organisation in der Region, mit Dependancen in Amman, Bethlehem und Tel Aviv. Trotz aller Spannungen zwischen den Völkern arbeiten bei FoEME Israelis, Palästinenser und Jordanier gemeinsam für Ökologie – und Frieden: weil der Schutz der Umwelt in der Regel gesellschaftlichen Konsens erfordert, wird er in Nahost auch zum Engagement für Versöhnung.

In Wadi Fukin sammelten die Aktivisten von FoEME Unterschriften gegen den Bau des Schutzzauns. Auch im israelischen Tsur Hadassah fanden sie Unterstützer. Sie schalteten einen israelischen Anwalt ein und gaben ein wissenschaftliches Wasserschutzgutachten in Auftrag. Mit Erfolg: Das israelische Militär stoppte die Planungen für den Bau. Zum ersten Mal wurde ein Abschnitt des Zauns aus Naturschutzgründen nicht errichtet. „Viele Israelis haben sich für uns eingesetzt“, sagt Abu Mazen. „Das zeigt, dass auch sie vor allem eines wollen: Frieden.“

SICH NÄHER KENNENLERNEN
Die Vermittlung zwischen dem palästinensischen Wadi Fukin und dem israelischen Tsur Hadassah ist das Ergebnis einer groß ange legten Initiative von FoEME, die sich „Good Water Neighbours“ nennt. An ihr beteiligen sich 21 israelische, palästinensische und jordanische Gemeinden, die über die Grenzen hinweg auf gemeinsame Wasserquellen zugreifen. In jedem Ort gibt es einen Beauftragten, der bei den Behörden für das Projekt wirbt und die Arbeit der Helfer koordiniert. Sie bauen Regenwasser-Zisternen und gehen in Schulen, um Kinder im sorgsamen Umgang mit Wasser zu unterrichten. Israelische und palästinensische Kinder treffen sich sogar in Sommerlagern. Für viele ist es das erste Mal, dass sie Gleichaltrigen der anderen Nation begegnen. „Die Bewohner der israelischen und palästinensischen Dörfer lernen sich näher kennen und verstehen“, betont Nader Al-Khateeb, einer der drei Direktoren von FoEME. Er ist Palästinenser, die beiden anderen Direktoren sind israelisch und jordanisch.

Tamar Greidinger, eine 50-jährige Israelin aus Tsur Hadassah, ist seit vier Jahren bei FoEME aktiv. An jungen Olivenbäumen vorbei steigt sie den östlichen Hang von Wadi Fukin hinauf. Auf der Höhe, gegenüber von Tsur Hadassah, liegt die schnell wachsende jüdische Siedlung Beitar Elite. 2005 beklagten sich die palästinensischen Bauern im Tal, dass sie durch den Ausbau der Siedlung ihre terrassenförmigen Felder verlieren würden, denn die Bulldozer kippten das Aushubmaterial einfach den Hang hinunter. Tamar Greidinger lehnt sich an einen übermannsgroßen Stein auf einem der Felder: „Zusammen mit Bürgern aus Wadi Fukin habe ich mich damals den Baggern entgegengestellt, um die Zerstörung zu stoppen.“ Mit Erfolg: Künftig entsorgten die Bautrupps das Geröll auf andere Weise. „Mir geht es neben dem Wasserschutz auch um Menschenrechte“, erklärt die Mutter von drei Kindern. „Deshalb arbeite ich bei FoEME mit – obwohl mein Mann dagegen ist.“

PFLÄNZCHEN DER ANNÄHERUNG
Die Reaktion des Ehemanns zeigt, dass die Pflänzchen der Annäherung noch zart sind. Auch in Wadi Fukin sind einige Bewohner gegen eine Zusammenarbeit mit den Israelis. Und in Tsur Hadassah sagt ein 40- jähriger Israeli, der seine achtjährige Tochter von der Grundschule abholt: „Natürlich ist Umweltschutz wichtig, aber meine Hauptsorge ist die Sicherheit, deshalb bin ich für den Bau des Schutzzauns.“

FoEME-Direktor Nader Al-Khateeb weiß um alle Vorbehalte, dennoch ist er vom langfristigen Erfolg seiner Organisation überzeugt:Wasserschutz könne nur in grenzüberschreitenden Partnerschaften gelöst werden. „Durch Krieg jedenfalls“, sagt Nader Al-Khateeb, „entsteht kein einziger Tropfen sauberes Wasser.“

Text: Malte Arnsperger, Fotos: Christoph Püschner
Bilfinger Berger Magazin 1/2009