Herr Bodner, viele jammern über die Krise, und das zu Recht. Welche guten Gründe haben Sie für Pessimismus?
Keine. Wir haben gute Gründe, einigermaßen optimistisch zu sein. Unser Geschäft ist divers, wir hängen nicht von einem Produkt ab; wir haben auch keine hohen Fixkosten, sodass ein möglicher Umsatzrückgang nicht dramatisch aufs Ergebnis durchschlägt; wir haben zudem einen Auftragsbestand im Baugeschäft, der uns vor kurzfristigen Überraschungen schützt, und im Dienstleistungsgeschäft haben wir Rahmenverträge, die uns nicht von heute auf morgen beschäftigungslos machen – auch eine Anlage, die reduziert fährt, muss unterhalten werden. Wir haben deshalb einen gewissen Optimismus, dass wir relativ gut mit der Krise werden umgehen können.
Trotzdem: Die Industrie wird Investitionen zurückstellen, die öffentliche Hand wird wegen sinkender Steuereinnahmen dasselbe tun. Was ist gravierender für Bilfinger Berger?
Zunächst einmal hat die öffentliche Hand ihre Investitionen ja ausgeweitet, die Konjunkturprogramme I und II haben für die gesamte Bauwirtschaft ein Volumen von etwa 18 Milliarden Euro für 2009 und 2010. Da steckt fürs Handwerk sowie für kleine und mittlere Unternehmen einiges drin – von lange zurückgestellten Renovierungen bis zu neuen Schulen; aber auch für große Unternehmen wie Bilfinger Berger sind die Programme attraktiv. Natürlich hoffen wir, dass sie einen gewissen Ausgleich darstellen für die nachlassende Nachfrage von Industrie und anderen Investoren. Wenn die öffentliche Hand nach diesen Konjunkturprogrammen wegen der Verschuldung der Haushalte in eine Investitionsstarre verfällt, wäre das unverantwortlich und nicht nur für die Bauwirtschaft ein Problem.
Der Münchener OB hat vorgerechnet, dass von den Milliarden in seiner Stadt gerade mal genug ankommt, um zwei Schulen grundzuerneuern oder zwölf Schulen energetisch zu sanieren. Reichen die Programme aus angesichts des großen Nachholbedarfs?
Die Frage ist, wie die Länder das von der Bundesregierung zur Verfügung gestellte Geld verteilen: nach dem Gießkannenprinzip oder konzentriert auf ausgewählte, wichtige Projekte. Das Deutsche Institut für Urbanistik hat für den kommunalen Bereich einen Investitionsstau von 70 Milliarden Euro errechnet, dazu kommt der jährliche reguläre Investitionsbedarf von 40 bis 50 Milliarden Euro. An diesen Größenordnungen kann man ablesen, dass die Konjunkturprogramme nur einen kleinen Teil zur Lösung des Problems beitragen können – auch wenn sie gesamtwirtschaftlich eine wichtige Funktion haben.
Im Ausland ist Bilfinger Berger an großen Straßenprojekten beteiligt. In Deutschland dagegen spricht kaum einer mehr vom Ausbau der Fernstraßen. Warum?
Im Bereich der Bundesfernstraßen wird 2009 und 2010 mehr investiert als in der Vergangenheit. Man müsste aber das jetzige angehobene Investitionsniveau schon viele Jahre beibehalten, um den Bedarf decken zu können. Im internationalen Vergleich ist unser Bundesfernstraßennetz in den vergangenen Jahren zurückgefallen, obwohl es noch immer ein recht gutes Niveau hat. Die Mahnungen, die ich immer wieder ausspreche, beziehen sich darauf, dass sich die Verkehrsströme in Europa völlig verändert haben und jetzt auch in West-Ost-Richtung verlaufen und nicht mehr vorwiegend in Nord-Süd-Richtung. Dafür ist unser Fernstraßennetz nicht gerüstet, da brauchen wir an vielen Stellen dritte Spuren und Lückenschlüsse.
Wenn öffentliche Investitionen in die Infrastruktur abnehmen, könnte dann die Stunde privater Investoren schlagen und das Modell der Public Private Partnership (PPP) neuen Schwung erhalten?
Durchaus, das Interesse an privatwirtschaftlichen Modellen wie PPP wird wachsen, um die nötigen Investitionen auch leisten zu können. Es gibt ja die Zielsetzung der Bundesregierung, dass bis zu 15 Prozent der öffentlichen Investitionen über dieses für Deutschland noch neuartige Beschaffungsmodell geleistet werden sollten …
… wovon man in der Realität meilenweit entfernt ist …
… in der Tat, wir liegen gerade bei vier Prozent. PPP-Modelle haben es derzeit aus zwei Gründen schwer: Zum einen meinen manche, angesichts wachsender Staatsausgaben stehe so viel Geld zur Verfügung, dass die Beteiligung privater Investoren überflüssig sei. Zum anderen muss man sehen, dass die Banken in ihrer gegenwärtigen Verfassung bei Projektfinanzierungen mit hohem Liquiditätsbedarf eher zurückhaltend sind. Dennoch hat die Bundesregierung ihre positive Grundhaltung gegenüber PPP nicht verändert. Ich glaube, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Beschaffungsmodell PPP stärker nachgefragt wird – eben weil die Mittel der öffentlichen Hand sehr viel knapper sein werden. Dass die 15 Prozent nicht über Nacht erreicht werden können, ist klar. Im Bereich der Verkehrsinfrastruktur ist die Experimentierphase noch nicht abgeschlossen. Aber im öffentlichen Hochbau war PPP schon ganz erfolgreich, da gibt es viele zufriedene kommunale Kunden, die dieses Modell jederzeit wiederholen würden. Die Pipeline ist gut gefüllt mit kommenden Projekten.
Was ist eigentlich das besonders Partnerschaftliche an PPP? Ist das Unternehmen nicht ein Auftragnehmer wie bei jedem anderen Projekt auch?
Die Langfristigkeit der Beziehung macht den Unterschied. Öffentliche Hand und privater Partner sind auf Jahre, sogar Jahrzehnte aneinander gebunden. Deshalb hat Konfliktvermeidung einen hohen Stellenwert, man kann da nicht kleinkariert über jedes Detail streiten. Die langfristige Bindung schafft grundsätzlich eine andere Qualität von Partnerschaft – auch jenseits von PPP-Projekten. Wir haben bei solchen Projekten nicht nur die einmalige Investition im Auge, sondern eben auch Planung, Finanzierung und die Frage möglichst niedriger Lebenszykluskosten. Wenn sich beide Seiten gemeinsam den Kopf darüber zerbrechen, was ihr Bauwerk über 30 Jahre insgesamt kostet, anstatt nur die Investitionskosten zu minimieren und den Nachfolgern die Probleme mit dem Gebäudeunterhalt zu überlassen, dann ist das ein großer Fortschritt. Auch im Interesse des Steuerzahlers.
Welche anderen kreativen Lösungen hat Bilfinger Berger über PPP hinaus?
Wir bieten umfangreiche Leistungspakete, die Unterhalt und Betrieb einschließen, selbst wenn wir nicht in die Finanzierung eingebunden sind. Solche Pakete sparen den Kunden erhebliche Kosten. Bei Immobilien lässt sich so auch der CO2-Ausstoß besser reduzieren. Ein intelligentes Instrument ist zum Beispiel Energie-Contracting, weil der Eigentümer seine Investition durch Energieeinsparungen wieder hereinspielt – das garantiert ihm der Contractor, also wir. Alles, was hilft, unsere Klimaziele zu erfüllen, ist zu begrüßen. Rund 40 Prozent unseres CO2-Ausstoßes kommen aus dem Gebäudebestand, das ist doppelt so viel wie der Verkehr verursacht. Klimaschutz ist also in erster Linie eine Bauaufgabe.
Das Thema Klima scheint wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise von der Agenda verschwunden zu sein.
Die Krise mag alles andere für eine Weile überdecken, aber die Realität wird uns einholen: Der Klimawandel bleibt das Thema des 21. Jahrhunderts. Für unsere Branche wird das eine große Chance sein.
Interview: Stefan Scheytt, Foto: Christoph Püschner
Bilfinger Berger Magazin 1/2009

