Bilfinger Berger Logo

Bilfinger BergerSchwergewicht in der Offshore-Windkraft

Mitten in die Ostsee setzen Spezialisten von Bilfinger Berger über 90 Schwergewichtsfundamente auf den Meeresboden: Das Unternehmen sorgt beim Offshore-Windpark Roedsand 2 für sicheren Stand der Windkraftanlagen.

(Text: Bernd Hauser, Fotos: Rainer Kwiotek)

Das Abendrot ist verglüht. Schiffsscheinwerfer werfen ihr Licht auf die schwarzen Wellen. Plötzlich taucht der gelbe Helm eines Berufstauchers auf. In acht Metern Tiefe hat er das Kiesbett untersucht, das zuvor ein Schwimmbagger am Meeresgrund bereitet hatte. Das Kiesbett ist die Unterlage für den 1.400-Tonnen-Riesen, der am Schwimmkran hängt: ein Schwergewichtsfundament für eine Offshore-Windanlage. Über die Videobilder der Helmkamera des Tauchers wissen die Leute auf der Baustelle bereits: Das Kiesbett ist perfekt.

„Es kann losgehen“, sagt Nils Benecke, der 29-jährige Bauleiter von Bilfinger Berger. Im Stirnband seines Helms sind schon viele Dutzend Kugelschreiber- Striche: Für jedes abgesetzte Fundament einer. „Heute Nacht kommt ein weiterer dazu“, sagt Benecke.

Erst bei 91 Strichen werden er und seine Leute fertig sein. Insgesamt setzen Bilfinger Berger und sein dänischer Partner Per Aarsleff im Offshore-Windpark Roedsand zwischen der dänischen Insel Lolland und der deutschen Insel Fehmarn fünf Reihen mit jeweils 18 Fundamenten für die Windkraftanlagen und eine weitere Gründung für eine Trafo-Station.

Die Fundamente müssen stehen wie auf Fels gebaut, denn die Windkraftanlagen darüber werden extremer Belastung ausgesetzt sein. Der Flügeldurchmesser beträgt 93 Meter, unter Volllast erreichen die Spitzen der Rotorblätter eine Geschwindigkeit von über 250 Stundenkilometern. Dann liefert jedes Rad 2,3 Megawatt. Alle Anlagen zusammen können 230.000 Haushalte mit Strom versorgen.

Beneckes Funkgerät rauscht. Der Bauleiter-Kollege, der für die Vorbereitung der Kiesbetten zuständig ist, will besprechen, wie die Arbeiten am nächsten Tag weitergehen: Seine Baggerschiffe und Beneckes Schwimmkran sollen sich nicht in die Quere kommen. Die beiden Männer reden über das Wetter – hier alles andere als Small Talk. Der Wind entscheidet über den Fortgang der Arbeiten. Sobald die Wellen höher sind als 75 Zentimeter, müssen die Arbeiten ruhen.

Zwar ist der Fehmarnbelt nur 19 Kilometer breit und die Wassertiefen bei Roedsand schwanken lediglich zwischen sechs und elf Metern. ‚Baltische Pfütze‘ hat Günter Grass die Ostsee genannt, das klingt alles andere als gefährlich. Doch wer erlebt, wie selbst die riesigen Pontons bei Wellengang zu tanzen beginnen, wenn sie die Fundamente aus dem polnischen Swinemünde heranschaffen, der versteht den Respekt der Bau- und Seeleute vor dem Meer.

Zwar ist es schwierig, Windkraftanlagen auf dem Meer zu bauen, dennoch ist das Potenzial gewaltig. Seit dem Jahr 2000 wurden in Nord- und Ostsee Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 1,5 Gigawatt errichtet. Bis 2020 will Deutschland etwa 10 Gigawatt aus Meereswind gewinnen, die Niederlande 6, Großbritannien gar 14 Gigawatt – zusammengerechnet sind das 75 Windparks von der Größe Roedsands. Selbst wenn diese Pläne äußerst ambitioniert sind und nur ein Teil gebaut werden sollte, wird Bilfinger Berger weiter von seiner Expertise profitieren.

Führungsrolle bei der Gründung von Offshore-Windkraftanlagen

Im November 2009 erhielt der Konzern den Zuschlag für den bislang bedeutendsten Offshore- Auftrag und festigt damit seine führende Position bei der Gründung küstenferner Windkraftanlagen. Die Energieversorger E.ON und Dong sowie der Finanzinvestor Masdar bauen in der Themse- Mündung den gigantischen Windpark London Array mit einer Leistung von 1 Gigawatt – genug, um ein Viertel des Großraums London mit Strom zu versorgen. In der ersten Phase dieses weltweit größten Offshoreprojekts werden 175 Anlagen erstellt.

Auf der Baustelle Roedsand setzen die Leute von Bauleiter Benecke an diesem Abend das 57. Fundament ins Wasser. Bereits am Nachmittag hatte ein heftig stampfender Schlepper den Schwimmkran gegen den Wind zum Ponton mit den Fundamenten bugsiert. Arbeiter hängten die Slings, äußerst starke Hebeseile aus Kunststoff, an eines der Fundamente. Sie fluteten die Tanks im Ponton unter dem Fundament, gleichzeitig die Tanks im Heck des Schwimmkrans – beides, um das enorme Gewicht auszugleichen. Dann legte der Kranführer seinen Hebel um und das Fundament, schwer wie 1.000 Mercedes-Limousinen, schwebte über den Wellen. Anschließend zog der Schlepper den Kran eineinhalb Kilometer weit bis zur vorgesehenen Absetzstelle. Mit Hilfe von vier Ankern und satellitengestützter Navigation kann der Kapitän das Fundament exakt über das Kiesbett am Meeresgrund ziehen.

Was in wenigen Sätzen erzählt ist, dauert in Wahrheit viele Stunden: Mittlerweile hat sich die Nacht über das Meer gesenkt. Im Licht der starken Scheinwerfer lässt der Kranführer das Fundament langsam ab, den Blick immer wieder auf den Monitor mit den Navigationsdaten. 20 Zentimeter über dem Kiesbett hält er die Seile an.

Das Team ist stolz auf die Präzision seiner Arbeit

Der Vermesser überprüft noch einmal die Position, dann betätigt der Kranführer wieder seine Hebel: Langsam sinkt das Fundament auf den Grund, sein Oberteil schaut drei Meter weit aus dem Wasser. Nun sieht es aus wie ein riesiger Kerzenständer mitten im Meer. Der Vermesser zeigt Bauleiter Nils Benecke seine Ergebnisse auf einem Datenblatt. Er muss dafür sorgen, dass das Fundament mit maximal 30 Zentimeter Abweichung zu der festgelegten Position abgesetzt wird. Meist schafft das Team eine Abweichung unter zehn Zentimetern. Bei Fundament Nummer 57 beträgt sie nur zwei Zentimeter. „Das kostet eine Flasche Whiskey“, sagt der Vermesser stolz – aber erst an Land; Offshore ist jeder Tropfen Alkohol streng verboten.

Bauleiter Benecke lächelt nur. Die Flasche zahlt er gern. Bevor er sich in seine Koje im Wohncontainer zurückzieht, checkt er am Laptop noch einmal die Wettervorhersage. In den nächsten 24 Stunden soll die Wellenhöhe unter der kritischen Marke bleiben. „Könnte klappen“, murmelt Benecke. Es sieht so aus, als ob er morgen erneut einen Strich in seinem Helm machen kann.

Windkraftanlage

Die Windkraftanlagen und damit auch die Fundamente sind extremen Belastungen ausgesetzt. Unter Volllast erreichen die Rotorspitzen Geschwindigkeiten von 250 Kilometern pro Stunde.