Der Zahnarzt Dr. Andreas Klug entführt auf Mittelalterfesten in die Zeit um 1500. In der Rolle eines studierten Medikus bereitet er seinen Zuschauern Gänsehaut: Die medizinischen Methoden der damaligen Zeit lassen das Blut in den Adern stocken.
Der Landsknecht brüllt vor Schmerz. Der Harnisch schützte seine Brust, doch ein Schwerthieb hat eine klaffende Wunde in seinem Unterarm hinterlassen – sie ist infiziert, Blutvergiftung droht. „Da müssen wir sofort amputieren“, sagt der Medikus nach kurzem Blick. Der Verletzte schlägt wild um sich; zwei Spießgesellen halten ihn fest, als Andreas Klug eine Säge mit feinen Zähnen ansetzt. Der Verletzte brüllt, der Medikus sägt, und nach einer Minute zeigt er der Zuschauermenge das abgetrennte Gliedmaß.
Dann setzt sich Andreas Klug an einen Holztisch, auf dem Gläser mit geheimnisvollem Inhalt stehen. „Das ist ein Gehirn, das sind Augen und das Hoden“, doziert der Gelehrte. „Daraus können wir wirksame Essenzen machen, uns die Intelligenz oder Sehschärfe eines anderen einverleiben – oder seine Manneskraft.“ Er fischt mit einem Holzlöffel einen schwarzen Wurm aus einem Glas, lässt ihn über die Hand kriechen und hält ihn seinen schaudernden Zuschauern unter die Nase. „Ein Blutegel“, erklärt Klug: „Ein kleiner Helfer, um Patienten Blut abzunehmen.“
Doch tatsächlich fließt nur Theaterblut, und die angeblich amputierten Arme und Beine sind aus Kunststoff. In der Rolle eines mittelalterlichen Medikus zeigt Andreas Klug seine Kunst auf dem alljährlichen Peter-und- Paul-Fest im badischen Bretten, das die Besucher ins Jahr 1504 versetzt.
Die antike Heilkunst ist vergessen
„Damals ist das medizinische Wissen in Deutschland knapp über null“, erklärt Klug. Die Heilkunst der alten Griechen ist im Abendland in Vergessenheit geraten. Die Araber dagegen sogen das Wissen der Antike auf, übersetzten griechische Schriften ins Arabische und verbreiteten sie. So gelangten die Texte auch ins maurische Spanien. Über die Universität Toledo kam das Wissen zurück ins Abendland. „In Spanien und Oberitalien wussten die Ärzte am meisten“, fasst Klug zusammen. Deshalb hat er sich für seine historische Medikus-Figur eine Vita erfunden, die ein Studium in Padua umfasst. Die Heilberufe waren im Mittelalter streng gegliedert. Der Medikus war ein studierter Arzt. Von seiner Art gab es nur wenige. Die zahlreichen Baderchirugen waren Praktiker, sie hatten zumeist keine Universität besucht. Doch sie standen weit über einem Quacksalber der untersten Kategorie, einem, der sich mit Knochen auskannte, weil er sie Verurteilten brach: der Henker. Das Leichenfett aus den Körpern der Exekutierten verkaufte er als Salbe.
Obduktionen sind verboten
Anatomische Kenntnisse konnten sich die Heilkundigen nur über Umwege aneignen. Obduktionen waren erst ab dem 17. Jahrhundert und nur in Ausnahmen erlaubt – etwa an hingerichteten Verbrechern. „Mediziner behandelten vor allem nach der Lehre von den vier Säften“, erklärt Klug. Demnach ist der Mensch gesund, wenn Blut, Schleim, Schwarze und Gelbe Galle im Gleichgewicht sind. Ist die Harmonie gestört, ist er krank. „Im Buch von Avicenna ist verzeichnet, was bei welchem Missverhältnis zu tun ist“, erklärt Klug. „Sehr beliebt war das Abzapfen von Blut.“
Eine der wichtigsten Methoden zur Diagnose von Krankheiten war die Harnschau, wie sie Klug auf den Mittelalterfesten nachspielt: Ein Mädchen bringt ein Gefäß mit bernsteinfarbener Flüssigkeit. „Dem Vater geht’s schlecht. Was ist im Harn zu lesen?“, fragt sie. Klug hebt das Glas gegen die Sonne, schaut sich die Farbe an. Dann steckt er einen Finger in die Flüssigkeit und kostet. „Honigsüß“, kommentiert er. Mit der Fingerprobe kann der Medikus zum Beispiel „Diabetes mellitus“ diagnostizieren – mellitus heißt auf Deutsch honigsüß.
Natürlich missglückt dem Medikus auch mal eine Behandlung. Für den Fall verweist er auf die mittelalterliche Gebührenordnung: „Stirbt der Patient, kostet die Behandlung nur die Hälfte.“
(Text: Mathias Rittgerott, Fotos: Christoph Püschner, Theo Barth)


