Bilfinger Berger Logo

Bilfinger BergerGesundheit

Damit die Chemie stimmt
Bildergalerie

Damit die Chemie stimmt

Für viele Menschen ist der Wirkstoff Ramipril ein Lebensretter. Er senkt den Blutdruck und beugt damit Herzinfarkt und Schlaganfall vor. Doch die Medikamentenherstellung ist sensibel, die kleinste Abweichung in der Produktqualität kann verheerende Folgen für die Patienten haben. Bilfinger Berger Industrial Services unterstützt den Pharma-Riesen Sanofi-Aventis bei der Herstellung des begehrten Wirkstoffs.

Der Stoff mit dem Namen Ramipril ist ein Star, den man immer nur für wenige Augenblicke und aus einiger Entfernung zu Gesicht bekommt – dann, wenn er hinter den Glasscheiben des Reinraums als weißes Pulver aus einem Trichter in eine Tonne rieselt. Im Inneren des Reinraums hat der Stoff eine Reise hinter sich, die ihn über drei Fabrikstockwerke führt, durch kilometerlange Rohrleitungen, mehr als hundert Kessel, drei Zentrifugen, zwei Trockner, zwei Anlagen zur Lösemittelaufarbeitung und ungezählte Pumpen; es ist ein Weg bei Temperaturen zwischen 0 und 100 Grad Celsius und hohen Drücken, ein Prozess über zehn chemische Synthesestufen, vollautomatisch gesteuert. Nähere Details über die Produktion von Ramipril gibt das Pharmaunternehmen Sanofi-Aventis aus verständlichen Gründen nicht preis. Denn der Wirkstoff ist die entscheidende Substanz in Medikamenten, die wegen ihres Verkaufserfolgs auch als „Blockbuster“ bezeichnet werden: Ramipril-Präparate brachten Sanofi-Aventis allein im vergangenen Jahr einen Umsatz von über einer Milliarde Euro.

Sensible Wirkstoffproduktion
Der Erfolg verweist auf ein Gesundheitsproblem, das Menschen weltweit befällt: Fast sechs Prozent aller Todesfälle gehen auf Bluthochdruck zurück. Ramipril greift in das komplizierte System der Botenstoffe ein, die Herzleistung und Blutdruck steuern. Einer dieser Botenstoffe ist das Hormon Angiotensin, das die Blutgefäße verengt und so den Blutdruck in die Höhe treibt. Ramipril hemmt nun das körpereigene Enzym, das an der Produktion des Hormons beteiligt ist. Die Folge: Es wird weniger Angiotensin gebildet, die Gefäße erweitern sich, das Herz muss nicht mehr gegen einen hohen Widerstand anpumpen. So beugt der Wirkstoff gegen Herzinfarkt und Schlaganfall vor.

Sanofi-Aventis produziert die Substanz im Frankfurter Industriepark Höchst und sitzt dort mit Bilfinger Berger Industrial Services Tür an Tür. Bilfinger Berger unterstützt die Instandhaltung der Produktionsanlagen einer ganzen Reihe von Unternehmen im Industriepark, darunter auch den Ramipril-Betrieb D712 von Sanofi-Aventis. Wolfgang Seeling ist einer, der sich hier bestens auskennt, davon zeugt eine abgegriffene Mappe auf seinem Schreibtisch, in der er die Aufträge der vergangenen Jahre in D712 auflistet: Es sind weit über hundert. Erst am Vortag wieder war Seeling dort, um an einem Behälter den Nullpunkt für die Füllstandsanzeige neu einzurichten. Füllstands- und Druckmessgeräte – das ist seine Spezialität. Er weiß zum Beispiel, wie man einem Füllstandsmesser beibringt, dass sein Radar nicht durch ein Rührwerk im Kessel irritiert wird und dadurch einen falschen Wert anzeigt. „Störechoausblendung nennt man so etwas“, erläutert Seeling. Mag es Branchen geben, in denen es auf den Liter, das Kilo oder ein paar Grad Celsius mehr oder weniger nicht ankommt – die Pharmaindustrie kann sich keine Messtoleranzen erlauben. Schon gar nicht in der hochsensiblen Wirkstoffproduktion, bei der bereits kleinste Abweichungen negative Auswirkungen auf den Patienten haben können.

Fragt man Wolfgang Seeling, warum Sanofi-Aventis, das drittgrößte Pharmaunternehmen der Welt, derlei empfindliche Geräte nicht selbst montiert, kalibriert und wartet, geht er an einen Schrank, in dem zwei Dutzend Druckmessgeräte stehen. Dann zeigt Seeling seitenlange Beschreibungen für die Inbetriebnahme jedes einzelnen Gerätetyps und fragt rhetorisch: „Warum sollte sich Sanofi-Aventis mit so einem Spezialgebiet befassen? Deren Geschäft ist es, Medikamente zu erforschen.“ Wie ingenieurgetrieben das Instandhaltungsgeschäft sein kann, sieht man einige Türen entfernt von Wolfgang Seelings Büro, im Prüflabor von Bilfinger Berger Industrial Services. Hier arbeitet Helge Essig. Im Auftrag von Sanofi-Aventis untersucht er die Genauigkeit von Temperaturfühlern, die einfach von außen auf die Rohrleitungen geklemmt werden können, statt sie in die Leitungen einzuschrauben. So kann das Rohr leichter steril gehalten werden. Das Prüflabor hat sich mittlerweile zu einer Art „Stifung Warentest“ im Messwesen entwickelt. Nicht nur Anlagenbetreiber wie Sanofi-Aventis, sondern sogar die Hersteller lassen ihre Messgeräte hier auf Funktionstüchtigkeit prüfen.

Für die Analysenmesstechnik der Ramipril-Anlage ist Bilfinger Berger mitverantwortlich, seit D712 vor einigen Jahren umgebaut wurde. Die Geräte, mit denen die Stoffkonzentrationen in den Behältern und Rohrleitungen gemessen werden, wurden bei Bilfinger Berger Industrial Services geplant. Sie überwachen automatisch die Konzentrationsveränderungen des Stoffgemisches, was schneller und kostengünstiger ist, als Proben zu nehmen und im Labor zu analysieren. Das gleiche Team, das die Analysetechnik konzipiert und installiert hat, betreut seither die Instandhaltung der Messstellen. Dies sei eine besondere Stärke seines Unternehmens, sagt Manfred Sturm, einer der Fachingenieure bei Bilfinger Berger Industrial Services: „Wir bleiben über den gesamten Lebenszyklus der Produktionsanlage am Ball.“

Hohe Standards, höchste Präzision
Zum Leistungsspektrum der Industrial Services im Industriepark Höchst gehören auch Aufgaben wie Gerüstbau, Isolierarbeiten und Korrosionsschutz. Doch selbst dort, wo man es auf den ersten Blick nicht vermutet, ist äußerste Präzision gefragt. Dirk-Harald Bestehorn schreitet eine Halle im Bereich Maschinen- und Antriebstechnik ab: Am Anfang der Halle liegt auf dem Boden eine Palette mit Dutzenden von Pumpen, Elektromotoren, Ventilen, Verdichtern und Getrieben, viele sind rostig, verdreckt und verkratzt; zum Teil gehören die Geräte den Kunden, zum Teil sind es Aggregate aus dem 12 000 Stück umfassenden Mietgerätepool von Bilfinger Berger Industrial Services. In dieser Halle werden die Geräte komplett auseinandergenommen, gereinigt, gewartet, repariert, mit neuen Ersatzteilen bestückt, wieder zusammengebaut, lackiert und in einem Prüfstand getestet. „Was hier aus der Halle geht, ist praktisch eine neue Maschine“, weiß Bestehorn. Und jeder einzelne Schritt wird peinlichst festgehalten, „was nicht dokumentiert ist, wurde auch nicht gemacht“, sagt Bestehorn. In seinem Büro zeigt der Maschinenbauingenieur am Beispiel einer Siebstrahlmühle für den Ramipril- Betrieb, warum die Revision eines einzigen Geräts einen ganzen Aktenordner füllen kann: jedes Bauteil, das mit dem Produkt in Berührung kommt, braucht eine Unbedenklichkeitserklärung; für jeden verwendeten Schmierstoff, jedes Reinigungsmittel und noch für den kleinsten Dichtring müssen Zulassungen vorliegen; für manche Oberflächen sind Protokolle abgeheftet, die belegen, dass keine Kratzer vorhanden sind, in denen sich Bakterien ablagern könnten: „Die Standards in der Pharmabranche sind die höchsten, die man sich denken kann.“

„Ein großartiges Zusammenspiel“
Spätestens beim Blick in diesen Ordner leuchtet ein, dass die extrem komplexe und sensible Produktion einer Substanz wie Ramipril am besten durch die Arbeitsteilung spezialisierter Partner möglich ist. „Die Produktion eines solchen Wirkstoffs ist ein großartiges Zusammenspiel von Technik und Chemie“, schwärmt Dr. Werner Sievers, der zuständige Produktionsleiter. Im Industriepark Höchst finden Sanofi-Aventis und Bilfinger Berger Industrial Services dafür ideale Bedingungen. Der Park, hervorgegangen aus der Überführung der einzelnen Aktivitäten der Hoechst AG in verschiedene eigenständige Gesellschaften, ist heute Standort von mehr als 80 Unternehmen vom internationalen Konzern bis zum kreativen Dienstleister. Gemeinsam entfalten sie eine außerordentliche Dynamik, so Dr. Joachim Kreysing von Bilfinger Berger Industrial Services: „Im Industriepark werden jährlich rund 350 Millionen Euro investiert – das ist mehr als in den besten Zeiten der Hoechst AG.“

(Text: Stefan Scheytt, Fotos: Barbara Breyer)
Fotografin Barbara Breyer, 43, bewundert die Ästhetik von Maschinen – und Menschen, die mit der Technik umzugehen wissen. Autor Stefan Scheytt, 44, hat sich auf komplexe Wirtschaftsthemen spezialisiert. Seine Reportagen erscheinen unter anderem in der „Neuen Zürcher Zeitung“.