Das Konzert der Beatles in der Litherland Town Hall ist legendär: Hier begann vor 46 Jahren die „Beatlemania“. Wo einst die Mädchen kreischten, kümmern sich nun Ärzte um ihre Patienten. Das neue Gesundheitszentrum im Norden Liverpools funktioniert nach dem Titel eines Beatles-Klassikers: „Come together“. Allgemeinmediziner, Fachärzte, Apotheker und Physiotherapeuten arbeiten unter einem Dach: Das von Bilfinger Berger geplante und betriebene Ärztehaus ist ein patientenfreundlicher Weg, das Gesundheitssystem zu entlasten.
Eine ältere Dame geht zielstrebig auf die Litherland Town Hall zu. Ob sie sich an den Auftritt der Beatles 1960 erinnert? Die Mittsechzigerin dreht sich um, zwinkert belustigt durch die rosa Brille. „Natürlich erinnere ich mich!“ Auf den Plakaten stand „Direct from Germany“. Die Pilzköpfe kamen von ihrem legendären Auftritt in Hamburg zurück und die Jugend Liverpools hatte sich in Litherland versammelt: „Die Mädchen kreischten wie wild. Hier auf dem Parkplatz standen die Autos der Beatles und die Mädchen schrieben Liebesbotschaften auf die Fenster. Mit Lippenstift“, lacht die Dame und eilt ins Gebäude.
Heute erzählt in der Litherland Town Hall nichts mehr von den wilden Zeiten. Das Rathaus von einst ist ein modernes Ärztehaus geworden, mit freundlich hellen Praxisräumen, einer modernen Röntgenabteilung und kleinen Operationssälen. Der Empfang liegt in einem hohen, ovalen Raum mit grün und rot gestrichenen Wänden, Angestellte in dunkelblauer Dienstkleidung tippen Patientendaten in den Computer, die Wartenden sitzen ringsherum. „Das war die Konzerthalle“, flüstert die Frau und weist auf das gewölbte Kuppeldach, hoch über den Köpfen der Patienten. Dann dreht sie sich um und zeigt auf eine kleine Warteecke mit am Boden verschraubten Stühlen: „Da war die Bühne!“ Wo einst die Beatles rockten, hängen jetzt Plakate über Rauchentwöhnung, den Kampf gegen Haarläuse bei Kindern und die Vorteile des Stillens.
Bessere Versorgung der Vororte
Seit Sommer 2005 arbeiten im Litherland Health Centre Notfallärzte, Allgemeinmediziner, Herzspezialisten, Zahnärzte, Diabetes-Experten, Apotheker und Physiotherapeuten unter einem Dach. Das Ärztehaus ist als so genanntes „Primary Care Centre“ Teil der Reform des britischen Gesundheitssystems. „Wir wollen moderne Medizin dort hinbringen, wo sie wirklich benötigt wird“, sagt Tim Seamons, Sprecher des Hauses. Hier im Norden Liverpools finden sich die ärmsten Stadtbezirke Englands. Viele Patienten sind Raucher, chronische Krankheiten sind stark verbreitet, die Bevölkerung ernährt sich tendenziell schlecht.
Bislang mussten die Menschen weite Wege in Kauf nehmen, um sich behandeln zu lassen. Viele Gesundheitsdienstleistungen fanden ausschließlich im Krankenhaus statt, von Routineuntersuchungen über Röntgenaufnahmen bis zur Versorgung kleiner Verletzungen. Hausarztpraxen in Großbritannien sind seit Jahrzehnten erheblich schlechter ausgestattet als etwa in Deutschland. Nur 40 Prozent der Praxen sind für medizinische Zwecke gebaut worden, 80 Prozent gelten als zu klein. Viele sind in heruntergewirtschafteten Wohnungen oder ehemaligen Ladengeschäften untergebracht. Mit einer großen Reform stellt sich das Nationale Gesundheitswesen seit einigen Jahren stärker auf die Bedürfnisse von Patienten ein. Doch während sich für die Modernisierung von Kliniken Investoren fanden, blieb die medizinische Grundversorgung in den Wohnvierteln weiterhin schlecht. Deshalb gründete die britische Regierung 2002 LIFT, den Local Improvement Finance Trust. „Wir packen mehrere Projekte zusammen und finden so Investoren für medizinische Gebäude“, erklärt John Garett, der Regionaldirektor. LIFT fasst an einem Ort zusammen, was bislang versprengt war: Ärzte verschiedener Fachrichtungen, den Apotheker, den privaten 24-Stunden-Notfall-Dienst. Auch Dienstleistungen, die zuvor nur im Krankenhaus zu haben waren, werden so in den Vororten verfügbar, etwa Diabetes- Routineuntersuchungen, die Behandlung chronischer Atemwegserkrankungen oder das Röntgen. „Dadurch dass sich viele medizinische Professionen an einem Ort zusammentun, wird das Projekt für Unternehmen, die in eine Public-Private-Partnership einsteigen wollen, finanziell interessant“, sagt John Garett. „So kommt unser Gesundheitssystem trotz knapper Kassen in den Genuss von Investitionen.“
Im Rahmen der LIFT-Initiative hat Bilfinger Berger im Raum Liverpool bereits drei Ärztehäuser verwirklicht, drei weitere sollen unmittelbar folgen. Knapp 30 Jahre wird das Unternehmen gegen eine monatliche Gebühr dafür sorgen, dass die „Hardware“ stimmt und die Gebäude in bestem Zustand bleiben. Nach dieser Zeit gehen die Ärztehäuser an die öffentliche Hand.
„Mit den Erfahrungen aus den ersten drei Häusern können wir jetzt noch effizienter planen“, sagt Martin Pugh, Projektleiter bei Bilfinger Berger BOT, der auf Betreiberprojekte spezialisierten Konzerntochter. Standardisierte Bauweisen senken die Kosten, flexible Wandkonstruktionen erlauben, dass sich das Gebäude immer wieder wandelt. „Wir werden über Jahrzehnte mit der Entwicklung im Gesundheitswesen mithalten können“, erklärt Martin Pugh.
Bis vor gut einem Jahr praktizierte der Allgemeinmediziner Nigel Taylor in einem alten Gebäude: „Mein Behandlungsraum war winzig, in den zweiten Raum passte gerade mal eine Liege, und meine Assistentin musste jedes Mal durchs Wartezimmer laufen, um mir zur Hand zu gehen.“ Jetzt genießt der Arzt den Platz im neuen Litherland Health Centre und freut sich, dass er seinen Kunden mehr Service bieten kann: „Für Röntgenaufnahmen schicke ich sie nicht mehr ins Krankenhaus, sondern einfach ein Stockwerk höher“, sagt der Mediziner. Eine Apotheke im Ärztehaus spart den Patienten Wege. Und statt 1800 Patienten hat Taylor inzwischen 2200.
Gesundheitsförderung statt reine Versorgung
Auch Paul Mackie ist zufrieden. Der Pfleger betrachtet ein Röntgenbild auf dem Computerbildschirm und zoomt einen kleinen Fleck heran. „Ist das normal?“, fragt eine Krankenschwester und tippt auf den dunklen Schatten auf dem Fußknochen. „Ja, das ist keine Verletzung“, beruhigt Mackie, der früher im Krankenhaus gearbeitet hat. Im Zuge der Gesundheitsreform wurde die Rolle der Krankenschwestern und -pfleger aufgewertet. „Früher hätte ich manchmal gerne mit angepackt, vor allem wenn sich die Leute über Wartezeiten ärgerten“, sagt der Pfleger. Doch damals durfte er noch nicht, was heute Routine für ihn ist: Er stellt die Erstdiagnose bei Patienten, die ohne Termin kommen, analysiert Röntgenbilder und verschreibt Medikamente. Mackie trägt heute mehr Verantwortung, aber er fühlt sich dem gewachsen. „Dass im Ärztehaus so viele Professionen zusammenkommen, ist ein klares Plus“, sagt er.
Come together: Der Beatles-Song hallt durch die Erzählungen aller Beteiligten: „Unser Schlüsselgedanke ist, dass wir die Dinge zusammenbringen“, sagt auch Tim Seamons, Sprecher des Gesundheitszentrums in der Litherland Town Hall. Zum Beispiel können örtliche Gruppen kostenlos Räume für ihre Treffen nutzen. Ehrenamtliche organisieren Kurse zu Raucherentwöhnung und gesundem Lebensstil. Die Perspektive wandelt sich: „Wir wollen weg von der reinen Versorgung von Kranken, hin zur umfassenden Förderung von Gesundheit.“
(Text: Kirsten Wörnle, Fotos : Rainer Kwiotek)
Kirsten Wörnle, 38, war Redakteurin bei der „Badischen Zeitung“. Als freie Journalistin hat sie sich auf Medizinjournalismus spezialisiert. Die Fotos von Rainer Kwiotek, 45, erscheinen unter anderem in „Spiegel“, „Focus“ und der „Financial Times Deutschland“.


